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Hermes konnte von den Streiks bei der Deutschen Post stark profitieren. Im Interview mit uns hat Thomas Horst, Geschäftsführer Sales bei der Hermes Logistik Gruppe Deutschland, erklärt, welche Konsequenzen die Streiks für Hermes hatten. Außerdem haben wir Thomas Horst zu den Paketdienstplänen von Amazon, zur Zukunft von Hermes und zu den gerade getesteten Paketkästen befragt. Lesen Sie hier das vollständige Interview.

Hermes im Interview.

Logistik Watchblog: Im vergangenen Jahr hatte Hanjo Schneider gefordert, dass kostenlose Retouren im Online-Handel abgeschafft werden würden. Wie steht Hermes heute zu diesem Thema?

Thomas Horst: Innerhalb der Hermes Gruppe gibt es dazu durchaus differenzierte Meinungen. Im Bereich der Distribution, also vor allem in unserem Paketgeschäft, sind wir nach wie vor der Ansicht, dass Retouren generell zu billig sind. Um die Organisation der sogenannten „Letzten Meile“ nachhaltig, d.h. rentabel entlang der gesamten Lieferkette, zu gestalten, müsste das Paket nach unserer Kalkulation rund 50 Cent mehr kosten. Etwas anders verhält es sich im Bereich des Fulfillments, wo die Option der Retoure fest zum Geschäftsmodell gehört, das Angebot kostenloser Rückgaben also vom Kunden unbedingt erwartet wird. Zudem gibt es Unterschiede, in welchen Ländern man Handel treibt, denn auch hier variieren die Erwartungen. Letztlich ist es eine kollektive Aufgabe der Akteure des Handels, zu überdenken, welchen Wert die logistische Dienstleistung heute hat. Die meisten haben verstanden, dass ohne Logistik in der globalisierten Welt kein Handel möglich ist. Das muss sich nun natürlich auch im Preis widerspiegeln.

Logistik Watchblog: Hermes hat sich an dem Frankfurter Start-up Liefery beteiligt und bietet nun Geschäftskunden die taggleiche Lieferung an. Welche Rolle wird die taggleiche Lieferung Ihrer Meinung nach in Zukunft in Deutschland spielen?

Thomas Horst: Noch ist die taggleiche Lieferung in Deutschland ein Nischengeschäft, das bislang vor allem in Versandsegmenten wie dem Lebensmittelhandel genutzt wird. Aber: Die Bedeutung von Same Day Delivery steigt und wird in den kommenden Jahren weiter steigen, auch weil große Händler wie Amazon, Google oder Ebay entsprechende Planungen derzeit stark forcieren. Analysten gehen davon aus, dass der Markt für Same Day Delivery bis 2020 in Westeuropa auf rund drei Milliarden Euro wächst und dann 15 Prozent des Umsatzes mit Standardpaketen ausmacht. Tritt diese Entwicklung wie prognostiziert ein, ist Hermes gut beraten daran, zu partizipieren. Vom Nischenmarkt zum Massengeschäft ist es im schnelllebigen Handel eben oft nur ein kleiner Schritt. Entsprechend ist unsere Beteiligung an Liefery folgerichtig.

Logistik Watchblog: Ab Herbst soll es einen Paketkasten von Hermes geben, in Kooperation mit anderen Dienstleistern wie DPD, GLS und UPS. Wie steht es um das Projekt und wie soll das konkurrierende Produkt der DHL überboten werden?

Thomas Horst: Das Projekt läuft weiterhin planmäßig. Eine regional begrenzte Pilotphase ist bereits gestartet, der bundesweite Rollout ist zeitnah für das vierte Quartal 2015 geplant. Ausschlaggebend für unsere Beteiligung an dem Projekt war für uns, im Sinne unserer Kunden eine Lösung zu entwickeln, die allen Paketdiensten Zugang gewährt und ausschließt, dass der Kunde mehrere Systeme erwerben muss. Zu näheren Details und Produktspezifika, gerade auch in Abgrenzung zu bereits bestehenden Systemen, äußern wir uns gerne nach der offiziellen Produktvorstellung.

Logistik Watchblog: Kürzlich kam es zu einem wochenlangen Streik bei der Deutschen Post DHL. Welche Konsequenzen hatte der Streik des Konkurrenten für Hermes?

Thomas Horst: Hermes zieht nach den vierwöchigen Poststreiks eine durchaus positive Bilanz. Während des Streiks haben wir bis zu 300.000 Sendungen pro Tag mehr bewegt und allein im Privatkundengeschäft rund 20% Mehrmenge verzeichnet. Die größten Gewinne haben wir jedoch im Geschäft mit gewerblichen Versendern realisiert, die bislang meist vorrangig mit DHL  zusammenarbeiten. Zahlreiche dieser Händler haben uns während des Streiks entweder exklusiv oder teilweise mit Transporten beauftragt. Besonders freuen wir uns über die aktuellen Signale, dass viele die Zusammenarbeit nun fortsetzen möchten. Das ist natürlich ein toller Erfolg: Innerhalb weniger Wochen ist es uns gelungen, große namhafte und international aufgestellte Top-Versandhändler nachhaltig von uns zu überzeugen. Darauf sind wir sehr stolz. Das Ergebnis spiegelt sich nicht zuletzt auch in aktuellen Meinungsumfragen, die uns bestätigen, dass die Imagewerte von Hermes während des Poststreiks deutlich gestiegen sind. Das heißt: Wir haben die Chancen des „Ausnahmezustands“ Poststreik optimal für uns genutzt. Jetzt gilt es, diese Gewinne langfristig zu konsolidieren.

Logistik Watchblog: Hermes bietet ja den Dienst an, dass man Retouren einfach dem Hermesboten in die Hand drücken kann, wenn man ihn auf der Straße sieht. Wie wird dieser Dienst von den Kunden angenommen?

Thomas Horst: Unser Mitnahmeservice etabliert sich für zunehmend mehr Kunden als bequeme und spontane Alternative zur Abgabe im Shop, und das sowohl bei Privatsendungen als auch bei Retouren. Besonders Vielbesteller profitieren von dem Service, da sie bei der Anlieferung einer Sendung dem Zusteller ihre Rücksendung gleich mitgeben können. Das spart Wege und vereinfacht den Retourprozess. Gleichwohl wird natürlich auch heute noch die bedeutende Mehrzahl der Sendungen vor Ort in unseren über 14.000 PaketShops abgegeben. Dabei nimmt übrigens der Ende 2014 gestartete mobile Paketschein eine immer wichtigere Rolle ein. Schon jetzt übertrifft die Anzahl der mobil erstellten Paketscheine im PrivatPaketService unsere Erwartungen deutlich. Ein toller Erfolg, besonders für unsere Kollegen aus der App-Entwicklung.

Logistik Watchblog: Wie steht Hermes zu den Plänen von Amazon, einen eigenen Zustelldienst in Deutschland aufzubauen und irgendwann die eigenen Pakete selbst zuzustellen?

Thomas Horst: Zu den Plänen von Amazon, in Deutschland einen eigenen Logistikdienst aufzubauen, äußern wir uns nicht. Wie Sie aber sicherlich wissen, ist auch Hermes ursprünglich als Paketdienst eines einzelnen Versandhändlers - OTTO - gegründet worden. Von daher kennen wir durchaus die Chancen und Risiken, die eine solche Unternehmung mit sich bringt.

 

Über Thomas Horst:

Thomas Horst von Hermes. Seit Juli 2014 verantwortet Thomas Horst als Geschäftsführer den Bereich Sales der Hermes Logistik Gruppe Deutschland und der Hermes Transport Logistics. Davor war er ab 2010 Bereichsleiter Sales in der Hermes Logistik Gruppe Deutschland und baute das wachsende Paketgeschäft mit Versendern außerhalb der Otto Group maßgeblich aus.

 

/ Geschrieben von Giuseppe Paletta


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