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Die Schweizerische Post wollte eigentlich ein neues Arbeitszeitmodell testen, musste den Test aber nach heftiger Kritik wieder einstellen.

Stückguttransport
© Die Schweizerische Post AG

Nach Enthüllungen von Blick.ch hat die Schweizerische Post den Test eines neuen äußerst umstrittenen Arbeitszeitmodells offenbar wieder eingestellt. Am 15. April sollte ein „flexibler Arbeitszeitbeginn“ für die Mitarbeiter der Abendzustellung eingeführt werden. Was überlegenswert klingt, sorgte in seiner geplanten Umsetzung für heftige Kritik. Statt schon im Vorfeld zu wissen, wann man mit der Arbeit beginnt, sollten die Zusteller erst am entsprechenden Tag um 12 Uhr per Personal-App erfahren, ob sie um 14:30 Uhr (frühester Arbeitsbeginn) oder vielleicht erst um 16:30 Uhr (spätester Arbeitsbeginn) anfangen. Bisher wussten die Mitarbeiter dies bereits zwei Wochen im Voraus.

Dass es sich um ein Pilotprojekt oder einen Test handelt, wurde den Mitarbeitern offenbar nicht mitgeteilt. „Wir wissen Folgendes: Ab 15. April wird die flexible Arbeitszeit eingeführt. Danach gefragt wurden wir nie“, so ein Zusteller gegenüber Blick.ch. Pikant an der neuen Regelung ist vor allem die Berechnung der Arbeitszeit. Denn zum einen ändere ein späterer Arbeitsbeginn nichts am Arbeitsende, zum anderen würden die Mitarbeiter über die Zeiterfassung überwacht. Für jede Auslieferungstour gibt es einen Durchschnittswert. Ist ein Zusteller länger unterwegs als der Durchschnitt, bekomme er die Mehrstunden nicht bezahlt. Laut Tarifvertrag beträgt die tägliche Arbeitszeit 8:24 Stunden. Benötigt ein Zusteller für eine 8-Stunden-Tour (Durchschnitt) neun Stunden, werden 24 Minusminuten angerechnet. Die Minuszeit wird vom Lohn abgezogen, obwohl eigentlich Überstunden gemacht wurden.

Erst Abschwächung, dann Machtwort

Ein Postmitarbeiter aus dem Bezirk Hinwil, in dem das System schon getestet werde, beklagte gegenüber Blick.ch, dass er schon über 40 Minusstunden hätte, obwohl er weit mehr als tariflich vereinbart gearbeitet hat. Die Post verteidigt das „mytime“ genannte System: „Im liberalisierten Paketmarkt ist es der Post ein wichtiges Anliegen, dass dieses System sowohl fair als auch wirtschaftlich ist. Wir sind der Ansicht, dass ‚mytime‘ beide Voraussetzungen erfüllt.“ Trotzdem schwächte die Post das neue System zunächst ab, der Arbeitsbeginn sollte nur noch um 30 Minuten statt um zwei Stunden variieren. Für die Mitarbeiter nicht genug, „auch so werden wir zu mehr Präsenzzeit verdonnert, was dem GAV klar widerspricht“, wie der ungenannte Mitarbeiter gegenüber Blick.ch kritisiert.

Offenbar war der Gegenwind irgendwann zu groß, die Post hat den Test vorerst gestoppt. Wohl auch, weil sich der designierte neue Chef des Unternehmens, Roberto Cirillo, der sein Amt am heutigen Dienstag antritt, sich schon vergangene Woche gegen das umstrittene System aussprach. Die Post müsse sich an die vereinbarten Gesamtarbeitsverträge und getroffenen Vereinbarungen halten und Entwicklungen müssten mit den Gewerkschaften diskutiert werden, stellte Cirillo gegenüber Blick.ch klar. Das Projekt in Mägenwil wurde daraufhin gestoppt, nun soll das Gespräch mit der Gewerkschaft gesucht werden.

/ Geschrieben von Christoph Pech


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