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Weihnachten steht vor der Tür und der Druck auf die KEP-Dienstleister steigt. In den Medien wird immer wieder darüber gesprochen, dass die Branche der Paketflut nicht standhalten kann und ein Kollaps des Systems bevorsteht. Wir haben bei Hermes, DPD und GLS nachgefragt, wie sie der Herausforderung „Weihnachtsgeschäft 2017“ begegnen.

Mensch aus Paketen sitzt neben Karton
© Simon Bratt – shutterstock.com

Seit Wochen wird in den Medien darüber diskutiert, ob es dieses Jahr nicht zum „Paket-Kollaps“ kommen wird. So titelte der Stern unter anderem „Online-Handel boomt - droht zu Weihnachten der Paket-Kollaps?“ und auch bei der Welt heißt es „Drei Milliarden Pakete: Logistik-Firmen droht der Kollaps“ – dagegen wirkt der Aufmacher von Focus Online „Weihnachten wird zur Kraftprobe für Paketzusteller“ noch richtig freundlich. Auch im aktuellen Podcast von OnlinehändlerNews war die Situation der Dienstleister Thema. 

Dass dieses Jahr das Weihnachtsgeschäft für die KEP-Branche kein leichtes wird, will dabei niemand abstreiten, doch ob man gleich von einem Kollaps sprechen kann, ist fraglich. Es ist ohnehin sehr erstaunlich, dass das Weihnachtsgeschäft von dieser Problematik beherrscht wird. Im Fokus stehen bei der Diskussion immer die KEP-Dienstleister. Die wenigsten fragen eigentlich, ob es noch andere Mitverantwortliche gibt. Generell lässt sich aber sagen, dass die Weihnachtssaison 2017 ein echter Kraftakt für die KEP-Dienstleister ist. Die Vorbereitungen dafür laufen schon lang und Dienstleister wie Hermes, DPD und GLS haben entsprechende Vorkehrungen getroffen.

Pakete, Pakete, Pakete

Wie viele Pakete in diesen Wochen tatsächlich bewegt werden, ist noch nicht bekannt. Der Bundesverband Paket und Expresslogistik (kurz: BIEK) rechnet im diesjährigen Weihnachtsgeschäft mit starken Zuwächsen von 9 Prozent bis 11 Prozent bei den B2C-Sendungen im Vergleich zu 2016. Zu Spitzenzeiten werden dabei deutlich mehr als 15 Millionen Sendungen an einem einzigen Tag in den Netzen der Unternehmen befördert. Um dieses Sendungsvolumen zu bewältigen, werden in dieser Weihnachtszeit etwa 25.000 zusätzliche Zusteller bei den Unternehmen beschäftigt.

Hermes beispielsweise rechnet an Spitzentagen mit bis zu 20 Prozent mehr Sendungen als Weihnachten 2016, was Tagesmengen von teils deutlich über zwei Millionen Sendungen entspricht. DPD geht von vergleichbaren Werten aus (zwei Millionen Pakete an Spitzentagen) und ergänzt, dass bis kurz vor Heiligabend die Mengen noch einmal zunehmen werden. „Die Mengen in der Vorweihnachtszeit liegen damit um bis zu 50 Prozent höher als an durchschnittlichen Zustelltagen und 15 Prozent höher als im Weihnachtsgeschäft des Vorjahres“, erklärt DPD auf Nachfrage des LogistikWatchblogs. Runtergebrochen bedeutet das, dass DPD allein an Spitzentagen mehr als 300.000 Pakete pro Stunde zustellt. Auch GLS stimmt mit der Konkurrenz überein und erwartet für das Weihnachtsgeschäft 2017 rekordverdächtige Paketmengen. Man erwartet einen Anstieg um bis zu 50 Prozent im Vergleich zu den anderen Monaten des Jahres. Bei der DHL als Marktführer in der KEP-Branche erwartet man nach Aussage von Jürgen Gerdes, Konzernvorstand Post - eCommerce - Parcel von der Deutsche Post DHL Group, mit einer Menge von „signifikant über acht Millionen“, an Spitzentagen sogar mit 8,7 Millionen Paketen am Tag.

Investitionen und mehr Mitarbeiter: Reicht die Vorbereitung?

Natürlich hat man sich auf das Weihnachtsgeschäft vorbereitet – schließlich kommt es nicht so überraschend, wie immer behauptet wird.

„Bei DPD sind in der Vorweihnachtszeit bis zu 4.000 zusätzliche Arbeitskräfte in Zustellung und Paketumschlag im Einsatz. DPD plant langfristig, zusätzliche Zusteller und Fahrzeuge wurden bereits frühzeitig disponiert“, erklärt der Konzern. Aber auch in die Infrastruktur wird investiert. Wie viel genau DPD in sein Netzwerk pumpt, kommuniziert der Konzern nur bedingt. Als im September das neue Paketsortierzentrum im badischen Steinen in Betrieb genommen wurde, hieß es, dass man rund 16 Millionen Euro in den Standort investiert habe. Im Januar 2017 wurde zudem das Paketsortierzentrum in Nagold angeschlossen. Hier beliefen sich die Investitionen auf rund 30 Millionen Euro. In der aktuell abrufbaren Pressemappe heißt es, dass DPD insgesamt über 78 Depots verfügt, 6.000 Pickup Paketshops in seinem Netzwerk hat und 10.000 Zusteller beschäftigt.

Auch bei GLS wurden die Maschinen hochgefahren. Bereits vor dem Herbstgeschäft wurden die Umschlagkapazitäten von über 20 Standorten signifikant erhöht. Um das große Sendungsvolumen schnell auf die jeweiligen Depots zu verteilen, richtete GLS zudem zahlreiche neue Direktverkehre ein. Auch bei den Mitarbeitern wurde aufgestockt: An den Standorten werden deutschlandweit 2.500 zusätzliche Mitarbeiter eingesetzt – insbesondere in der Sortierung und der Abwicklung. Für die Zustellung und Abholung auf der letzten Meile arbeitet GLS mit unabhängigen Transportpartnern zusammen, die ihren Personaleinsatz eigenständig planen. Sie erhöhen in der Weihnachtszeit die Anzahl der Zustellfahrer, sodass in der Vorweihnachtszeit deutschlandweit rund 800 zusätzliche Fahrzeuge für die Auslieferung eingesetzt werden können, heißt es auf unsere Nachfrage. Generell verfügt GLS in Deutschland über 63 Depots, einen zentralen Umschlagsplatz und Europa-Hub in Neuenstein/Hessen sowie 15 regionale Umschlagsplätze (Stand Juni 2017). Weiterhin gibt es 5.000 GLS Paketshops und über 5.000 Fahrzeuge.

Und natürlich hat sich auch Hermes auf das Weihnachtsgeschäft vorbereitet. „So kommen aktuell rund 6.000 zusätzliche Arbeitskräfte zum Einsatz, rund 3.500 zusätzliche Fahrzeuge sind für uns unterwegs“, erklärt Ingo Bertram, Pressesprecher von Hermes. Die Anstellung erfolgt dabei hauptsächlich über befristete Arbeitsverträge oder tarifgebundene Zeitarbeitsfirmen. Durch die Eingliederung neuster Logistikzentren hat Hermes seine Kapazitäten erheblich gesteigert – insgesamt können durch die Standorte in Mainz (Eröffnung September 2017) und Ketzin bei Berlin (Mitte November 2017) 50.000 Sendungen pro Stunde mehr verarbeitet werden.

Paket-Obergrenze? Eine notwenige Maßnahme

Und doch reichen die Kapazitäten scheinbar nicht aus. Hermes brachte den Stein ins Rollen, als die Otto-Tochter Anfang November die erstmalige Einführung von Paketobergrenzen für Online-Händler ankündigte. Für Hermes angesichts der steigenden Paketmenge ein logischer Schritt, der ganz klar vor dem Hintergrund der rasanten Mengensteigerung im Paketgeschäft zu sehen ist. „Bei den Grenzen handelt sich um vertragsindividuelle Absprachen mit unseren Auftraggebern, mit denen wir frühzeitig feste Kontingente vereinbart haben“, erklärt Bertram auf Nachfrage. Bereits seit Sommer laufen die Absprachen. „Für uns sind die aktuellen Obergrenzen eine notwendige Maßnahme, damit wir das stärkste Weihnachtsgeschäft unserer Geschichte trotz der hohen Mengen adäquat abgewickelt bekommen.“

Aber was passiert eigentlich, wenn Händler diese Obergrenzen überschreiten? Hermes zeigt sich hier flexibel. Es gibt eine „individuelle Toleranzschwelle“. Allerdings sind verlässliche Prognosen der Händler elementar für den Dienstleister, denn nur so lässt sich eine verlässliche Kapazitätsplanung organisieren. Zusätzliche Kapazitäten müssen demnach schon im Sommer geplant werden, denn sonst wird der Engpass an Fachkräften und Aushilfen zu einem unüberwindbaren Problem. Der Wettbewerb um Personal ist scharf. Wenn bei einem Händler, aus welchen Gründen auch immer, die Realmenge deutlich über der Prognosemenge liegt, wird es schwierig bis unmöglich, alle Sendungen taggleich mitzunehmen. „Ausgehend von unseren aktuellen Kapazitäten würden bspw. schon 10 Prozent Mehrmenge an einem Tag bedeuten, dass uns 1.400 Zusteller und Fahrzeuge fehlen“, fasst Bertram zusammen.

Aber wie steht eigentlich die Konkurrenz zu den Paketgrenzen von Hermes? Tatsächlich verständigt sich auch DPD mit großen Kunden auf Mengenprognosen für das Weihnachtsgeschäft. „Mit starren Obergrenzen ist dies allerdings nicht gleichzusetzen“, so Peter Rey, Senior Referent Media Relations bei DPD. GLS auf der anderen Seite führt zwar selbst keine solche Grenze ein, fokussiert sich aber während der Peak Season auf Bestandskunden und startet kein Geschäft mit Neukunden.

 


Preise werden steigen

Neben der Obergrenze sorgte auch die Ankündigung von Hermes, im Weihnachtsgeschäft 2018 die Preise zumindest temporär anheben zu wollen, für Diskussionen. Scheinbar denkt fast die ganze Branche über temporäre Preiserhöhungen nach. Auf Nachfrage erklärte DPD: „Es ist richtig, dass sich die Preise für den Paketversand perspektivisch erhöhen müssen.“ Über konkrete Pläne für 2018 kann allerdings noch keine Auskunft gegeben werden. Ähnlich klingt es auch bei GLS. Dieses Jahr hat man sich gegen Preisaufschläge in der Vorweihnachtszeit entschieden. Für Aussagen zum nächsten Jahr sei es noch zu früh.

Auf die Frage, warum Hermes sich für die Erhöhung der Preise entschieden hat, wird darauf verwiesen, dass insbesondere vor dem Hintergrund der immer schwieriger werdenden Arbeitsmarktsituation auf der letzten Meile ein neues Preismodell unumgänglich ist. Die Paketpreise in Deutschland sind kaum auskömmlich. Und doch dürften steigende Preise erst einmal abschreckend auf die Kunden wirken. Die Vermutung, dass sich Geschäftskunden dann nach anderen Dienstleistern umsehen, ist nicht abwegig. Allerdings ist die Kombination aus starkem Mengenwachstum, zu geringen Preisen und zunehmender Personalknappheit kein Thema, das nur Hermes betrifft. „Vielmehr muss die gesamte Paketbranche mit diesen Herausforderungen arbeiten und Lösungen finden – egal, ob die Zusteller am Ende nun blaue, rote oder gelbe Kleidung tragen“, so Ingo Bertram.

Wie sieht die Zukunft aus?

Dass sich in Zukunft etwas ändern wird bei der Paketzustellung, steht außer Frage. Dabei dürfen die KEP-Dienstleister jedoch nicht allein bleiben. Auch bei den Online-Händlern und den Verbrauchern wird sich vor allem bei der Einstellung etwas ändern müssen. Hermes sieht gerade in der „ausgeprägten Gratis-Versand-Mentalität der Versender“ ein ernst zu nehmendes Problem.

Aufgrund des ausgeprägten Fahrermangels für die letzte Meile wurden zudem alternative Ideen zur Paketzustellung zur Sprache gebracht. Der Geschäftsführer von Hermes in Deutschland, Frank Rausch, erklärte, dass künftig die Paketzustellung an der Haustür mit Extra-Kosten belegt werden könnte. Konkrete Pläne dazu gibt es bei Hermes jedoch noch nicht. „Die Planungen, ob künftig ein Zuschlag für die Lieferung an die Haustür erhoben wird, sind in einem frühen Stadium und somit ergebnisoffen“, heißt es auf Nachfrage. Sollten sich die Pläne konkretisieren, will man aber so bald wie möglich entsprechend informieren. Auch bei DPD gibt es keine konkreten Pläne. Zwar schlug sich DPD Geschäftsführer Boris Winkelmann mit seiner Aussage, dass es in Zukunft dazu kommen könnte, „dass die Paketdienste standardmäßig an den Paketshop liefern und die Lieferung zur Haustür dann zum Beispiel 50 Cent extra kostet“ in die gleich Kerbe, doch sieht man dies bei DPD eher als ein „Szenario, das für die gesamte Branche Geltung hat“.

Bei GLS zeigt man sich mit solchen Aussagen zurückhaltender. Man weist aber darauf hin, dass die Zustellung an Privathaushalte für Paketdienste eine Herausforderung ist, vor allem weil Empfänger bei der Zustellung oft nicht zu Hause anzutreffen sind. Es wird darauf verwiesen, dass die Zustellung an die Arbeitsstelle oder an einen ausgewählten Paketshop gute und gern genutzte Alternativen sind, ebenso Paketkästen oder das Erteilen einer Abstellgenehmigung.

Steht die KEP-Branche vor dem Kollaps?

Die viel diskutierte Unterstellung, ob die Branche vor dem Kollaps steht, ist übertrieben. Zwar stoßen die Dienstleister gerade an ihre Kapazitäten, doch die Schuld dafür nur bei den Unternehmen zu suchen, ist falsch. Auch der Online-Handel und die Mentalität der Verbraucher sind an der aktuellen Situation Schuld. Zum Weihnachtsgeschäft 2017 kommt einfach alles zusammen.

Es wird spannend, die weitere Entwicklung der Lage zu beobachten, denn dass sich etwas ändern muss, steht außer Frage. So könnten die KEP-Dienstleister die Löhne der Paketboten anheben und so dafür sorgen, dass der Beruf wieder attraktiver wird. Alternative Lösungen für die letzte Meile und damit auch ein Kostenaufschlag für die Zustellung an der Wohnungstür sind dafür durchaus probate Impulse. Ob diese am Ende auch umgesetzt werden, bleibt aber abzuwarten.

Man muss es Hermes dabei hoch anrechnen, dass sie sich so öffentlich positionieren und den Blick der Gesellschaft auf eine Branche gerichtet haben, die sonst gern als selbstverständlich wahrgenommen wird. Hermes ist es wichtig, das eigene Lieferversprechen halten zu können. Man will auch über das Weihnachtsgeschäft hinaus als verlässlicher und planbarer Partner des Handels wahrgenommen werden. „Das schaffen wir nur mit Transparenz und Offenheit“, resümiert Ingo Bartram.

 

/ Geschrieben von Julia Ptock


Kommentare

#1 Peter Gutjahr 2017-12-18 12:53
Die größten Herausforderung en liegen doch in der Zustellung bei der ersten Anfahrt. Wenn die Dienstleister den gleichen Kunden 2 oder dreimal anfahren ist es doch verständlich, dass es deutlich mehr Liefervolumen gibt als eigentlich notwendig. Unverständlich ist, dass auf dem Markt befindliche, offene und für die Dienstleister kostenfreie Angebote für die Zustellung bei der ersten Anfahrt nicht akzeptiert bzw. durch die KEP-DL kategorisch abgelehnt werden. Dabei nützen diese Angebote dem gesamten Prozess, denn die Lieferungen müssen auch nicht mehr in einem Paketshop gelagert und danach manuell ausgesucht werden um den Kunden zufrieden zu stellen. Und der Empfänger spart sich den Weg dorthin und hat pünktlich seine Lieferungen zu Hause
Fazit: einen gewissen Teil der Zustellprobleme müssen sich die Diensleister selber zuschreiben - durch die Ablehnung offener Zustellsysteme freier Anbieter



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