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Werden selbständig fahrende Lkw und Lieferfahrzeuge bald das Straßenbild beherrschen? In Großbritannien könnte das bald der Fall sein. Wir zeigen Ihnen, was die Zukunft bringen könnte und was heute schon möglich ist.

SARTRE Test
© SARTRE-Consortium

Vor ein paar Wochen haben wir über den selbstfahrenden Future Truck von Mercedes Benz berichtet und nun gibt es wieder etwas Bewegung im Bereich „Autonomes Fahren in der Logistik“. Denn laut der BBC und der Sunday Times, will die britische Regierung ab Anfang kommenden Jahres selbstfahrende Lkw und auch Pkw auf öffentlichen Straßen testen. Anders als beim selbstfahrenden Auto von Google, kann der Fahrer hier während der Fahrt eingreifen und Korrekturen vornehmen. Das Besondere an dem System, das in Großbritannien getestet werden soll, ist die Fähigkeit zur Kolonnenfahrt.

Automatische Kolonnenfahrt

Hierbei werden die Lkw durch eine Wi-Fi-Verbindung und Infrarotsensoren miteinander verbunden. In jedem der Fahrzeuge muss dann zwar ein Fahrer präsent sein, doch würde nur der Fahrer im Führungsfahrzeug die Bewegungen der anderen Kolonnenteilnehmer übernehmen. Die einzelnen Lkw fahren dann im Abstand von einigen Metern hintereinander her und sollen sämtlichen Fahrmanövern des Führenden folgen. Theoretisch müssten die anderen Fahrer nur in Notfällen eingreifen und könnten sich anderen Dingen wie Verwaltungsarbeiten widmen oder ein Buch lesen. Ob das allerdings in einer Gruppe von mehreren Lkw, die recht dicht hintereinander fahren eine so gute Idee ist, bleibt fraglich.

Das Prinzip eines ferngelenkten Konvois wurde erstmals im Jahr 2012 von Volvo auf einer öffentlichen Straße in Spanien getestet. Dieser Versuch fand im Rahmen des SARTRE (Safe Road Trains for the Environment) Projekts der EU statt. Damals fuhren drei Pkw und ein Lkw knapp 200 in einer solchen ferngelenkten Kolonne. Die Befürworter des Projekts versprechen sich neben weniger verstopften Straßen unter anderem eine Verringerung des Spritverbrauchs um etwa 10 Prozent, was wohl vor allem durch das Windschattenfahren der anderen Kolonnenteilnehmer erreicht werden wird. Sollten sich die Tests, die in Großbritannien momentan noch auf abgesperrten Strecken durchgeführt werden als praktikabel erweisen, dann könnten sie bald auf öffentlichen Straßen fortgesetzt werden.

Gegner dieser Kolonnenlösung haben allerdings einige Sicherheitsbedenken, denn so könnten sich Autofahrer von solch einer großen Lkw-Kolonne eingeschüchtert oder verunsichert fühlen und auch die Fahrer in den passiven Fahrzeugen sind nicht vor Problemen gefeit. Was machen sie zum Beispiel, wenn der führende Fahrer Geschwindigkeitsbeschränkungen übertritt und seine Kollegen einfach mitzieht?

Fragen nach dem Wie, Warum und dem Was

Neben all den Vorteilen, die ein solcher Fahrmodus bringt, stellt sich für die Logistik-Branche die Frage nach dem Sinn des autonomen Fahrens. Lohnt sich der ganze Aufwand und wenn ja, wo kann man die Technologie am besten einsetzen?

Um diese und weitere Fragen wissenschaftlich unter die Lupe nehmen zu können, hat die Daimler und Benz Stiftung das Projekt „Villa Ladenburg“ ins Leben gerufen. Ein Team von 20 Wissenschaftlern erhält dabei die Möglichkeit, das Thema des autonomen Fahrens im Straßenverkehr zu erforschen und Konzepte für die Zukunft auszuarbeiten.

Pressebild Villa Ladenburg
© Daimler und Benz Stiftung/Illustration Vierus & Wilfert

„Fahrerlose Transportsysteme sind bereits heute vielfach erfolgreich unterwegs, jedoch nach wie vor in klar definierten Bereichen“, erklärt Prof. Dr. Heike Flämig vom Institut für Verkehrsplanung und Logistik der Technischen Universität Hamburg-Harburg, eine der Teilnehmerinnen an diesem Projekt.

Autonomes Fahren heute

Bereits heute werden autonome Fahrzeuge in logistischen Knotenpunkten wie Häfen, Distributionszentren und einigen Produktionsstätten eingesetzt. Dort werden abseits des öffentlichen Verkehrs Waren mit autonomen oder teil-autonomen Fahrzeugen von Lagern zu den Produktionsstätten gebracht. Ebenso lässt sich die Auslieferung von Paketen per Drohne in den Bereich des autonomen Fahrens zählen. Ein Beispiel für das vollautomatische Entladen und Anliefern von Waren sind die automatisierten Entlade und Lieferprozesse im Hafen Hamburg oder am Europoort in Rotterdam.




















Lohnt sich autonomes Fahren im öffentlichen Güterverkehr?

Doch wo lohnt sich vollautomatisches Fahren im Güterverkehr auf öffentlichen Straßen? Viele Dinge sind dabei theoretisch möglich, allerdings schlicht und einfach nicht umsetzbar. Laut Fläming würde zum Beispiel der Wegfall des Fahrers einen massiven Eingriff in die Prozesskette der Logistik bedeuten – schon allein dann, wenn er nicht nur das Be- und Entladen seines Fahrzeugs übernimmt. Auch bei der Endzustellung von Waren ist ein reibungsloser Ablauf nicht möglich, wenn kein Mensch die Prozesse überwacht, denn wenn zum Beispiel Verräumungs- oder Montagearbeiten durchgeführt werden müssen, stoßen die Maschinen an ihre Grenzen.

Auch die Frage danach, was alles autonom transportiert werden kann, bildet einen Forschungsschwerpunkt des Villa Ladenburg Projekts. So ist neben dem Güterverkehr in städtischen Gebieten auch die Durchführung von Massentransporten in Abbaugebieten zur Rohstoffgewinnung und in der Land- und Forstwirtschaft für die Experten von Interesse.

Dem vollautomatischen Fahren stehen also noch einige Hürden im Weg, die weniger technischer als vielmehr rechtlicher aber auch gesellschaftlicher Natur sind, denn von heute auf morgen wird sich diese Technologie nicht durchsetzen können und der Bevölkerung muss erst der Schrecken vor komplett fahrerlosen Fahrzeugen genommen werden, bevor sich diese im normalen Straßenverkehr bewegen können.

/ Geschrieben von Ralf Krämer


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