Es wird Zeit, dass die etablierten Paketdienstleister ihre Geschäftsmodelle anpassen. Denn Amazon und andere Internetkonzerne drängen in den Paketmarkt und bringen neben innovativen Lösungen auch einen große Kundenstamm mit sich.

Amazon will ins Paketgeschäft.

(Bildquelle Amazon Packaging : Nic Taylor via Flickr, Ohne Änderungen, bestimmte Rechte vorbehalten)

Wie kein anderer E-Commerce-Player treibt Amazon Innovationen in der Zustellung voran – von Same Day Delivery über Prime Air bis hin zur Sonntagszustellung. Durch Pilotprogramme, Zukäufe und Kooperationen baut der Onlineriese seine eigene Logistikkompetenz seit einiger Zeit mehr oder weniger unbemerkt aus. Aber auch Internetkonzerne wie Google oder der Online-Vermittlungsdienst Uber wittern das große Geschäft und werden den etablierten Paketdiensten zunehmend Konkurrenz machen. Dringen die Konzerne weiter in den Auslieferprozess vor, wird sich dies auf die Logistikdienstleister auswirken. Besonders, wenn es Amazon, Google und Co. gelingt, die Kunden durch Serviceinnovationen weiter an sich zu binden.

Amazon sammelt Know-how im Paketgeschäft

Bei den großen Paketdiensten ist Amazon mit einem Paketanteil von 20 bis 30 Prozent der mit Abstand größte Kunde. Seit einiger Zeit baut der Onlineriese seine eigene Logistikkompetenz jedoch durch Pilotprogramme, Zukäufe und Kooperationen größtenteils unbemerkt aus. So kontrolliert Amazon bereits heute Teile einzelner europäischer Logistikunternehmen. Der Internetgigant hält etwa einen Anteil am britischen Paketzusteller Yodel, der mit 145 Millionen Zustellungen im Jahr und einer Flotte von mehr als 5.000 Zustellfahrzeugen zu den größeren Playern der Branche gehört. In Frankreich ist Amazon mit 25 Prozent am Logistikpartner Colis Privé beteiligt, der jährlich 25 Millionen Lieferungen mit 1.700 Fahrzeugen zustellt. Auch im deutschsprachigen Raum sind Beteiligungen an kleineren lokalen Playern denkbar.

Eine unmittelbare Bedrohung für Paketdienstleister und Einzelhändler stellen diese Zahlen zunächst nicht dar. Immerhin sind auf europäischen Straßen täglich etwa 180.000 Zustellfahrzeuge unterwegs. Doch verschafft sich Amazon durch praxisnahe Kenntnisse besonders im Sortier- und Zustellbereich entscheidende Vorteile. Zudem baut der Onlineriese sein Know-how im Management von Sortierzentren und outgesourcten Zustellflotten aus und kann damit seine Aktivitäten gezielt ausweiten – insbesondere in innerstädtischen Gebieten. Dadurch hat Amazon heute schon mehr Einblicke in die Sendungsstruktur und Auslieferung anderer Onlineunternehmen, als vielen Paketzustellern und Einzelhändlern lieb und bekannt ist.

Etablierten Dienstleistern drohen hohe Verluste

Sollte Amazon beginnen, die aus Gesamtkundensicht profitabelsten Gebiete in den Innenstädten selbst zu beliefern, hätte das für die heutigen Logistikpartner dramatische Folgen: Durch Netzwerkeffekte ist mit überproportionalen Profitabilitätseinbußen und dem endgültigen Verlust des Kontaktes zu vielen Endkunden zu rechnen. Würde Amazon zusätzlich seine Auslieferdienstleistungen à la Marketplace für weitere Artikel öffnen, bedeutet dies einen weiteren Volumenabfluss. Für Amazon indes wäre ein solcher Schritt nicht nur profitabel, sondern auch eine Chance, sich durch innovativen Service und eine noch bessere Verknüpfung mit der Onlineseite klar vom Wettbewerb abzuheben.

Nicht nur Amazon erhöht den Druck im traditionellen Zustellgeschäft, auch Internetkonzerne wie Google oder der Online-Vermittlungsdienst Uber wittern ihre Chance und machen den etablierten Paketdiensten zunehmend Konkurrenz. Die neuen Player dringen mit kundenorientierten Innovationen in den Logistikmarkt vor, mit denen sie einzigartige Servicepakete zwischen Einkauf und letzter Meile anbieten können. Diese umfassen etwa die Zustellung innerhalb eines vorab definierten Zeitfensters, die kurzfristige Anpassung des Zustellortes oder integrierte Retourenlösungen.

Dienstleister müssen dringend umdenken

Letztlich wird aber erst die zurzeit noch belächelte Paketzustellung per Drohne einen signifikanten Wandel mit sich bringen. Zum ersten Mal ist damit die Zustellung unabhängiger vom Straßenverkehr, von der Auslastung der Zustellfahrzeuge und zu Teilen auch von der Distanz zwischen Stopps – den bislang wesentlichen Einflussfaktoren der Kosten und des Netzwerkeffektes. Zwar bleibt der Einsatz von Drohnen im Zustellgeschäft nach Einschätzung von Oliver Wyman aufgrund vieler offener logistischer und organisatorischer Fragen in nächster Zukunft noch unwahrscheinlich. Jedoch zeichnen sich erste skalierbare Geschäftsmodelle ab, die schon in zwei bis drei Jahren Realität werden könnten. Und die entscheidende Frage ist dann: Haben die Paketdienstleister von heute noch einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil?

Der Angriff von Amazon, Google und Co. auf traditionelle Logistikdienstleister und Einzelhändler ist bereits in vollem Gange. Dabei geht es um Kundeninteraktionen und Convenience. Sowohl Logistiker als auch Einzelhändler können dem nur etwas entgegensetzen, wenn sie Innovation kompromisslos vom Kunden aus entwickeln. Wem es nicht gelingt, bei jeder Neuentwicklung den Einkaufsprozess für den Kunden einfacher und angenehmer zu gestalten, hat klar verloren. Hierzu zählen sowohl durchgängige Multichannel-Konzepte im Einzelhandelsbereich wie auch kundenfreundliche Apps und Prozesse im Logistikbereich. Das Paket muss den Kunden treffen, anstatt dass der Kunde seinen Tagesablauf ändert, um ein Paket zu empfangen. Eines ist sicher: Der Paketmarkt ist Teil des Einzelhandelsprozesses geworden und ändert sich heute wesentlich schneller als in vielen vergangenen Jahren. Daher müssen Post- und Paketdienstleister genauso wie Einzelhändler zügig und entschlossen handeln.

Über die Autoren:

Oliver Wyman ist eine international führende Managementberatung mit weltweit 3.700 Mitarbeitern in mehr als 50 Büros in 26 Ländern. Das Unternehmen verbindet ausgeprägte Branchenspezialisierung mit hoher Methodenkompetenz bei Strategieentwicklung, Prozessdesign, Risikomanagement und Organisationsberatung. Gemeinsam mit Kunden entwirft und realisiert Oliver Wyman nachhaltige Wachstumsstrategien. Weitere Informationen: www.oliverwyman.de. Folgen Sie Oliver Wyman auf Twitter @OliverWyman.

Dr. Michael Lierow ist Partner bei Oliver Wyman in München. In den Beratungsbereichen Transport und Einzelhandel unterstützt er Post-, Paket- und Logistikunternehmen, Einzelhändler und weitere multinationale Unternehmen auf dem europäischen Markt. Seine Beratungsschwerpunkte umfassen die Themen Strategy, Operations, Supply Chain und Multi-Channel.

Dr. Sebastian Janssen ist Engagement Manager bei Oliver Wyman in Düsseldorf. Er berät schwerpunktmäßig zu den Themen Paket- und E-Commerce-Logistik.

 

Dieser Artikel ist zuerst im Magazin LogReal.direkt erschienen.

/ Geschrieben von Redaktion




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