Die Situation in China wirkt sich weiterhin auf die globalen Lieferketten aus, es ist mit monatelangen Verzögerungen zu rechnen. 

Hafen in Shanghai, China
zhao dongfang / Shutterstock.com

Die Lage in den Lieferketten ist seit Beginn der Corona-Pandemie prekär, doch die Probleme nehmen zu – insbesondere wegen des Lockdown in Shanghai seit Ende März. Und ein nächster Lockdown scheint in China ebenfalls nicht weit: Auch aus Peking wurden Ende April zunehmend Corona-Fälle gemeldet. Laut dem Tagesspiegel haben die Behörden vor Ort Maßnahmen erneut verschärft und Homeoffice sowie Geschäftsschließungen angeordnet. Einwohnerinnen und Einwohner befürchteten nun noch strengere Vorschriften.

Ein weiterer Lockdown in ähnlichem Ausmaß wie in Shanghai, der in diesem Fall etwa 22 Mio. Menschen betrifft, würde zu monatelangen Unterbrechungen der globalen Lieferketten führen und den ohnehin schon hohen Inflationsdruck verstärken, mahnt das Supply-Chain-Unternehmen Project 44. 

Dies belegen Datenanalysen zum Shanghai-Lockdown. Währenddessen nahm die Verweildauer von importierten Containern im Hafen um 237 Prozent zu und stieg von 4,6 Tagen am ersten Tag des Lockdowns auf über zwei Wochen, kurz bevor die Beschränkungen am 22. April gelockert wurden. Die Container konnten nicht zügig genug per Lkw aus den Häfen abgeholt werden und blockieren somit die vorhandenen Abstellflächen. 

Grafik: Verweildauer von Containern beim Import und Export im Hafen von Shanghai
Verweildauer von Containern beim Import und Export im Hafen von Shanghai | project44

Häfen sind überlastet – Normalisierung dauert Monate

Die Daten von Project44 zeigen des Weiteren zunehmend Lieferverzögerungen, d. h. die Differenz zwischen der ursprünglichen geplanten Ankunftszeit und der tatsächlichen Ankunftszeit von Lieferungen in Häfen wurde größer. Dies betrifft die großen europäischen Häfen Antwerpen, Hamburg und Valencia bzw. die Häfen an der US-Westküste Long Beach, Tacoma und Seattle. „Angesichts der gestiegenen durchschnittlichen Transitzeiten von 65 Tagen nach Hamburg und mehr als 41 Tagen nach Long Beach werden sich in den kommenden Wochen die Lieferverzögerungen aus Shanghai noch deutlicher bemerkbar machen“, erläutert das Supply-Chain-Unternehmen. Selbst wenn die Fertigungsstätten in Shanghai ihre Produktion wieder aufnähmen, würden die Verzögerungen bis in die Sommermonate dauern.

Monatliche Transitzeit für Lieferungen aus Shanghai (April 2020 bis April 2022)
Monatliche Transitzeit für Lieferungen aus Shanghai (April 2020 bis April 2022) | project44

Supply-Chain-Krise über das ganze Jahr?

Diese Prognosen bestätigt der zur Allianz gehörende Industrieversicherer AGCS. In Shanghai könne die Rückkehr zum normalen Betrieb auch nach Einschätzung des Risikoberaters Anastasios Leonburg noch Monate dauern: „Ich denke, dass das in naher Zukunft nicht einfach schnell gelöst ist“, sagte er laut dpa/onvista. Der Präsident der Pacific Maritime Association (PMA), James McKenna, rechnet mit andauernden Problemen an den US-Häfen: „Die Realität ist, dass wir mit der Frachtmenge einfach überfordert sind“, zitiert Projekt44 den Logistikexperten in einer Mitteilung. „Wir glauben keineswegs, dass die Krise der Supply Chain vorbei ist. Tatsächlich planen wir, dass diese das ganze Jahr über so bleibt. Die Menge der Bestellungen, die in China abgewickelt werden müssen, ist groß.“ 

Schiffstaus: Effekt wie auf der Autobahn

Infolge des Lockdowns kam es bereits zu Schiffsstaus in der Nordsee, unter anderem der Logistiker DSV warnte Ende April Verzögerungen bei der Seefracht-Abfertigung in Hamburg, es gebe Wartezeiten von bis zu 21 Tagen.  

Die ganze Situation gleiche einem Stau auf der Autobahn, wie Prof. Christian Kille von der Bundesvereinigung Logistik (BVL) ausführt: „Selbst wenn der Schiffsstau vor Schanghai sich auflöst und die meisten Fabriken in China aus dem Lockdown gehen, wird es viele Monate dauern, bis sich die Lieferketten normalisieren. Das ist wie bei einem Stau auf der Autobahn, der sich weiterverbreitet und sich aufschaukelt, obwohl der eigentliche Grund für den Stau sich längst aufgelöst hat“, sagte er nach Angaben von Logistik-heute vergangene Woche auf einer BVL-Sitzung in Duisburg. Der Schiffsstau werde sich also zunächst auf die europäischen Häfen verlagern, „weil diese den Ansturm nach der Pause nicht bewältigen können.“  

Exporte aus China stagnieren

In den Produktionsstätten ist den Behörden zufolge sei ein Normalbetrieb wieder möglich, doch mit Verzögerungen muss gerechnet werden. Viele Mitarbeitende seien noch in Quarantäne, die Importprobleme verschärfen zudem den Mangel an Komponenten, auch gebe es noch Probleme in der Logistik. In einer Fabrik, die für Apple produziert, sorgten die Corona-Maßnahmen zuletzt sogar für Ausschreitungen. 

Die Situation hat bereits Einfluss auf die Warenausfuhren aus China: Im April war das Exportwachstum mit einem Plus von 3,9 Prozent so langsam wie seit Juni 2020 nicht mehr, meldete der chinesische Zoll kürzlich laut Tagesschau. Die Auswirkungen seien besonders am Deutschlandgeschäft sichtbar, chinesische Exporte nach Deutschland brachen „ungewöhnlich stark“ um neun Prozent ein, auch bei den Importen deutscher Waren nach China ist ein Rückgang von 9,8 Prozent zu beobachten.  

Das Kieler Institut für Weltwirtschaft beobachtete im April eine Stagnation bei chinesischen Importen und Exporten. „Der Lockdown in Shanghai bremst zwar Chinas Exportwachstum aus, Rückgänge im Handel scheinen sich aber auf den Hafen von Shanghai zu beschränken“, so die Einschätzung von Vincent Stamer, Leiter Kiel Trade Indicator. Er zeigte sich allerdings auch zuversichtlich: „Der Abstand der Warenausfuhren hat sich im Vergleich zu Chinas übrigen Häfen auf ein Minus von rund 25 Prozent eingependelt. Das heißt aber auch: Trotz Lockdown verlassen immer noch ein Großteil aller Güter den Hafen, das ist ein gutes Zeichen für die weltweiten Lieferketten.“ 

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/ Geschrieben von Hanna Behn

Kommentare

#2 Karl Ranseier 2022-05-14 09:29
Herr Breves, sie wären erstaunt wie leer ihr Haus wäre, wenn alles was sie kaufen zu europäischen Lohnkosten hergestellt werden würde.
Die Leute glauben immer, das würde auf unter 10% Aufpreis hinaus laufen. Bei vielen Gegenständen reden wir aber von Preisen x2 bis zu x5.
Wenn Sie sich also von Fernostimprten verabschieden wollen, zählen Sie bitte die Dinge auf, für die Sie bereit wären mindestens das doppelte zu bezahlen. Alles andere käme weg.

Wäre ganz schön leer in der Bude, gell?
#1 Ralf Breves 2022-05-10 17:58
Selber Schuld wenn man sich über die letzten 25 Jahre von anderen abhängig gemacht hat. Damit nehme ich fast keinen Wirtschaftszwei g aus.
Somit ist die Globalisierung krachend gescheitert.
Es wird endlich Zeit sich neu aufzustellen.



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