Nachhaltigkeit und ökologisches Bewusstsein in Online-Handel und Logistik stehen gesellschaftlich verstärkt im Fokus. Doch von wem sollte das nachhaltige Umdenken ausgehen? 

Grüner Lieferwagen, der durch den Wald fährt
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Der Online-Handel ist nicht der Klimakiller Nummer eins: Eine Untersuchung im Frühjahr ergab etwa, dass der E-Commerce gegenüber dem stationären Handel sogar eine bessere Klimabilanz hat.  Dass der Online-Handel natürlich dennoch negative Auswirkungen auf die Umwelt hat, lässt sich kaum bestreiten, wenngleich gerade in diesem Punkt, nicht zuletzt aufgrund der steigenden Online-Bestellungen angesichts der Corona-Pandemie, Debatten oft auch emotional ausfallen. Zudem müssen sich Online-Händler auch mit Kundenwünschen, wie einem kostenlosen Versand bei einer gleichzeitig nachhaltigen Lieferung auseinandersetzen – etwas, das in der Praxis schwer lösbar ist. 

Das Unternehmen Green Credits hat es sich angesichts dieser Tatsachen zur Aufgabe gemacht, die Beteiligten – Handel, Logistik und Kundschaft – aufzuklären. Die Grundidee des Hamburger StartUps ist es, Konsumierenden die Möglichkeit zu bieten, ihr Online-Bestellverhalten an Aspekte der Nachhaltigkeit auszurichten. Im Zuge dessen führte Green Credits zunächst eine Nachhaltigkeitsstudie durch, die die Kundenerwartungen näher untersucht hat. Wir sprachen mit Daniel Kranz, Ideengeber von Green Credits und verantwortlich für Marketing & Sales, über die Ergebnisse – und worauf es für eine grünere Zukunft ankommt.

Über 90 Prozent der Online-Shopper ist das Einkaufskriterium Nachhaltigkeit wichtig

Logistik Watchblog: Gefühlt haben die Themen Nachhaltigkeit und Umweltschutz auch bei den Konsumierenden immer mehr an Bedeutung gewonnen. Ihr habt euch das in eurer Studie genauer angesehen. Stimmt es denn überhaupt, dass sich das Bewusstsein dahingehend verändert hat? Was habt ihr festgestellt?

Daniel Kranz, Green Credits: Grundsätzlich hat sich das Bewusstsein der Endkonsument_innen geändert, ja. Das belegen auch andere Studien zu dem Thema. Es gibt viele Gründe, die dazu beitragen. Sicherlich hat die aktuelle politische Debatte und die Covid19-Pandemie einen großen Teil daran mitgewirkt. Allerdings ist unsere Studie eine Momentaufnahme aus dem Sommer 2021, daher können wir diese Veränderung mit unserer Studie nicht untermalen. 

Dennoch haben wir die Kund_innen beispielsweise gefragt, wie die Pandemie ihr Einkaufsverhalten verändert hat. Wir können beispielsweise sehen, dass 70 Prozent der Shopper_innen, die mehr als einmal die Woche online bestellen, während der Pandemie mehr bestellt haben. Noch interessanter wird es, wenn wir uns anschauen, wie wichtig den Endkund_innen das Thema Nachhaltigkeit mittlerweile ist. Mit „sehr wichtig“ oder „wichtig“ bewerten über 90 Prozent der Kund_innen das Einkaufskriterium Nachhaltigkeit. Bei der jungen und sehr alten Generation ist es sogar noch mehr.

Nachhaltigkeitsstudie 2021: Kritisch gegenüber Online-Shopping
Jene, die kritisch gegenüber Online-Shopping eingestellt sind, stimmten wie folgt den obenstehenden Aussagen zu. 
Seltene Shopper kaufen weniger als 1x im Monat, Gelegenheits-Shopper mind. 1x im Monat, Heavy Shopper mind. 1x pro Woche.
Grafik: Green Credits, Nachhaltigkeitsstudie 2021

Doch der Fokus unserer Studie liegt auf der letzten Meile. Hier fragten wir die Kund_innen, ob sie sich eine transparentere letzte Meile wünschen, ob sie länger auf Bestellungen warten und mehr Geld bezahlen würden, wenn man sicherstellen könnte, dass der Versand nachhaltig abläuft. All diese Fragen beantworteten die Kund_innen positiv – und die Zahlen sind extrem spannend.

Was sind die Gründe dafür?

Die Gründe liegen in unterschiedlichen Bereichen und können wir selbst nur aus qualitativen Interviews zusammenfassen: Zum einen ist es der technische Fortschritt, der es den Kund_innen in vielen Lebensbereichen erlaubt, mehr Einfluss zu nehmen und Transparenz zu erwarten. Zum anderen ist es die zunehmende Aufmerksamkeit auf den Klimaschutz, Menschenrechte und Verschwendung. Wir haben in der Studie nach Nachhaltigkeitskonzepten gefragt, die die Kund_innen wichtig finden. Hier wurde vor allem auf die Thematik der Ressourcenschonung, Haltbarkeit und effiziente Lieferketten verwiesen. 

Kundenwahrnehmung: Viele Händler nutzen Nachhaltigkeit als PR-Thema

Wie reagieren Händler auf dieses Thema? 

Ich glaube, als Privatperson merkt man immer mehr, wie die Händler in einen Handlungszwang und teilweise in einen Überaktionismus verfallen. Viele Händler nutzen das Thema Nachhaltigkeit aktiv als Alleinstellungsmerkmal und positionieren es prominent in der Werbung und auf den Webseiten. Andere arbeiten im Hintergrund an nachhaltigen Konzepten, die für die Endkund_innen nicht transparent sind. In unseren Gesprächen mit Händlern sehen wir ein großes Interesse, da alle wissen, dass was getan werden muss. 

Auf der anderen Seite haben uns über 80 Prozent der Käufer_innen wissen lassen, dass sie glauben, dass die Händler nur aus PR Gründen oder aus gesellschaftlichen Druck nachhaltig wirken wollen. Weniger als 50 Prozent glauben, dass die Unternehmen wirklich die Umwelt schützen wollen. Hier gibt es also Nachholbedarf für die Händler.

Konntet ihr Unterschiede zwischen stationären und Online-Händlern feststellen?

In unserer Umfrage haben wir Shops bewerten lassen, die sich in den EHI Top 100 Online-Shops befinden. Das bedeutet, wir können hier keinen Unterschied analysieren. 

Was wir aber können, ist zu sagen, wie die Kund_innen welcher Shops auf Fragen geantwortet haben. So lässt sich feststellen, dass beispielsweise Kund_innen von Heine, Zara, S.Oliver und Closed das Kriterium Nachhaltigkeit größer gewichten, als Kund_innen von H&M, BonPrix oder AboutYou. Auch lassen sich große Unterschiede in der Bereitschaft, auf Lieferungen zu warten, feststellen. Die Analyse zu den einzelnen Shops haben wir im Detail in unserer Studie durchgeführt und sie kann bei uns angefragt werden.

Es braucht noch mehr Transparenz

Gibt es 1-2 bestimmte Maßnahmen zum Thema Nachhaltigkeit im Online-Shop, die ihr richtig gut findet?

Leider gibt es noch nicht das eine Feature, was sich durch alle Shops zieht. Auch werden die CO2-Werte mitunter völlig unterschiedlich und frei berechnet. Insgesamt sind Maßnahmen, die mehr Transparenz herstellen, also von wo das Paket kam, wie schwer es ist und wie viel CO2 bei Transport und Herstellung angefallen sind, entscheidend für Kundenkommunikation und Shop-Image.

Wie ist die Logistikbranche aus eurer Sicht rund um das Thema Nachhaltigkeit aufgestellt? Was können Paket- oder Versanddienstleister eurer Meinung nach noch besteuern bzw. optimieren?

In der Logistikbranche ist das Thema Nachhaltigkeit angekommen, nur fehlt es oftmals noch an Ressourcen und Know-How, um sich diesem auch im Alltag widmen zu können. In der Branche geht zudem die Sorge um, dass einige Kommunen den Zugang zu Innenstädten massiv beschränken und beispielsweise per Ausschreibung nur noch einzelne Lizenzen ausgeben.

Die großen KEP-Dienstleister haben bereits erste Experimente mit Lastenrädern, City-Hubs und so weiter sammeln können. Es wäre toll, wenn dies in Zukunft ausgeweitet würde und Kunden anhand des Flottenverbrauchs ihre Logistikdienstleister auswählen könnten.

Was ist eure Vision für eine grünere Zukunft?

Logistik und Versandhandel sind viel transparenter und die Kund_innen können anhand von Leistungsparametern wie CO2-Mix des Fuhrparks, nachhaltige Produktion und Versand von Artikeln sowie weiteren sozialen und ökologischen Aspekten viel besser nachvollziehen, welche Versandart zu ihren persönlichen Präferenzen passt.

Vielen Dank für das Gespräch!


Mehr rund um dieses Thema verrät Daniel Kranz von Green Credits live auf dem Logistik E-Commerce Camp am 9. November 2021 in Hamburg. Sein Beitrag „Nachhaltigkeit im E-Commerce auf der letzten Meile: Wie sehen es die Endkunden eigentlich wirklich?“ findet voraussichtlich ab 15:15 im Workshop-Bereich 1: Rund ums Paket – Picken & Packen statt. 

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/ Geschrieben von Hanna Behn

Kommentare

#7 Daniel Kranz 2021-10-25 15:52
Liebe Kommentierende, danke für das offene Feedback.

Wir haben über die Studie eine repräsentative Meinungsbefragu ng durchgeführt, die wissenschaftlic h unterstützt wurde. Über diese Studie können wir natürlich nicht feststellen, wie Kunden wirklich reagieren oder handeln würden. Dennoch lassen sich extrem spannende Erkenntnisse daraus gewinnen (beispielsweise große Unterschiede über unterschiedlich e Kundensegmente und Einkaufsverhalt en).

Ich freue mich darauf gerne mit Ihnen in eine offene Diskussion zu gehen - schreiben Sie mich dazu einfach auf LinkedIn an oder sprechen Sie direkt auf dem Logistik E-Commerce Camp mit mir. Dort gibt es dann auch mehr zu unserem Lösungsansatz :)
#6 Green Credits 2021-10-25 15:29
Vielen Dank für die vielen Kommentare und Fragen zu Green Credits und der Studie! Wir versuchen, einige davon zu beantworten:

@Matze: Wir kennen die Depot-Konzepte gut und finden sie auch sehr überzeugend. Es liegt aber an den Logistikdienstl eistern, diese Services anzubieten. Damit dies geschieht, müssen Shopper und Auftraggeber dies auch einfordern - am besten über unsere Plattform!

@Michaela: Wir haben eine repräsentative Online-Umfrage durchgeführt, die in großer Annäherung die deutschen Durchschnittswe rte abbildet (Geschlechter, Alter, Region, Einkommen etc.). Natürlich ist zu erwarten, dass bei einer Online-Umfrage auch eher die Menschen teilnehmen, die eventuell auch Online shoppen.

@Heidemann: Unsere Studie zeigt, dass die Menschen sehr wohl bereit sind, für "mehr Nachhaltigkeit auf der letzten Meile" entweder länger zu warten oder mehr zu bezahlen. Die Ausprägung ist je nach Shop unterschiedlich und auf jeden Fall ein guter Anfang.
#5 matze 2021-10-22 17:18
Der Verbraucher ist zweigeteilt. Reden ist das eine, das Tun das andere. Fragt doch mal nen Verbraucher, ob er es schick finden würden, dass alle Sendungen von ihm in einem Depot landen und dann ohne Verpackung konzentriert an ihn übergeben werden, an einem bestimmten Tag der Woche. Ist effektiv, kostet mehr und vor allem Überwindung.
Ich wette, dass das dann kaum einer macht.
Außerdem sei noch angemerkt, die Überschrift paßt hier nicht zur Selbstdarstellu ng des Interviewten. man könnte meinen, hier wird Werbung plaziert.
Schade, aber das findet man hier öfters... a bisserl Oberfläche und nicht hineintauchen.
#4 Dirk 2021-10-20 10:38
Aktuelles Beispiel, wie das Bewusstsein für Nachhaltigkeit der Onlinekunden oft nur in der Theorie besteht: Bei einer Wer-weiß-denn-s owas wurde die Frage gestellt, ob Kunden eine Lieferung im Folienbeutel auch im Folienbeutel zurücksenden dürfen.
Die Kandidatin - eine B-prominente Schlagersängeri n mittleren Alters - gab prompt zum Besten: "Ich verstehe die Frage nicht - der Rücksendeaufkle ber liegt doch immer in der Tüte?"
So sieht die Nachhaltigkeit in Realität aus - gemäß dem alten Zalando-Schlach truf "Schrei vor Glück oder schick's zurück!"
#3 Blesser 2021-10-20 10:38
Es fehlen antworten und Lösungsvorschlä ge in diesem Artikel.

Zu viel Worte für sehr wenig Aussage.

Man hat das Gefühl , dass lediglich der Befragte (Daniel Kranz) hier hervorstechen möchte.

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Antwort der Redaktion:

Hallo Blesser,

vielen Dank für deinen Kommentar und die Kritik! Wir stimmen zu, bei diesem Thema braucht es Lösungen – wir haben dies deshalb auch in unserer Berichterstattu ng immer mal mit im Blick (z. B. nachhaltige Verpackungen, Nachhaltigkeits konzepte der Logistiker, etc.). Im konkreten Fall war die Intention der Studie, wie die Kundschaft so darüber denkt, und das stand daher im Interview im Fokus.

Viele Grüße
die Redaktion
#2 Michaela Zang 2021-10-20 10:16
Ich frage mich immer welche Personen zu diesen Studien befragt werden. Wenn man die Anzahl an Paketen sieht die jeden Tag verschickt werden, dann ist es den Bestellern herzlich egal ob nachhaltig oder nicht. Hauptsache der Versand ist kostenfrei. Ich glaube diesen Studien nicht........
Der Großteil der Bevölkerung sagt natürlich das Nachhaltigkeit wichtig ist, aber daran halten tut sich so gut wie keiner.
#1 Heidemann 2021-10-20 08:45
[Anmerkung der Redaktion: Teile des Kommentars wurden entfernt. Bitte beachte unsere Netiquette]

als Kunde, kann man natürlich für alles sein - solange man es nicht bezahlen muss - selbst wenn die Lieferung noch zu den bestmöglichen Bedingungen erfolgt - die kostenlose Rücksendequote pulverisiert doch sämtliche Nachhaltigkeitsforderungen.
also erstmal mit Verstand einkaufen, und dann die Rücksendekosten bei nichtgefallen usw. selber tragen !



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