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Der Kurierdienst von Raghunath Medge aus Mumbai stellt mit einer Zuverlässigkeit von 99,9998 Prozent die Lieferungen zu. Eine Quote, von der westliche Logistik-Unternehmen nur träumen können. Der Inder erklärt sein Geschäftsmodell jetzt sogar Managern auf der ganzen Welt.

Mann auf Fahrrad
© Chokchai Suksatavonraphan / shutterstock.com

In Indien ticken die Uhren in vielerlei Hinsicht anders als in den hiesigen Breitengraden und doch ist dort, genauer in Mumbai, der weltbeste Kurierdienst angesiedelt. Raghunath Medge ist Chef einer sogenannten Dabbawala Organisation. Diese Kuriere sammeln an sechs Tagen die Woche täglich mehr als 200.000 Mittagessen von den daheimgebliebenen Frauen ein und bringen sie in die Stadt zu den arbeitenden Männern. Das geschieht mit Rädern, Schubkarren oder der eigenen Muskelkraft und hat eine erstaunliche Quote von 99,9998 Prozent, was die Zuverlässigkeit angeht. Wie dieses logistische Phänomen möglich ist, versucht Raghunath Medge weltweit den Managern verschiedener Firmen zu erklären. Vor wenigen Tagen sprach der 62-Jährige sogar beim Forum der Schweizerischen Managementgesellschaft (SMG).

Raghunath Medge als Vorbild westlicher Unternehmer

Die Arbeit der Dabbwalas beginnt um 09:30Uhr, wenn sie das Mittagessen einsammeln. Anschließend wird es über mehrere Kilometer in die Stadt transportiert und die Lieferung erfolgt fast immer auf den Punkt genau bei den hungrigen Männern. 12 Dollar pro Monat kostet die Familien diese logistische Meisterleistung. Richard Branson, britischer Unternehmer und Gründer der Fluggesellschaft Virgin Sun Airlines, hat sich die Kurierfahrer sogar auf Plakate drucken und in seine Firma hängen lassen, um die Mitarbeiter zu motivieren, wenigstens annähernd an das Qualitätsniveau der Dabbawalas heranzukommen. Doch selbst durch Millioneninvestitionen der westlichen Firmen kommt man nicht an den Standard der indischen Essenskuriere heran.

Kurierdienst als Arbeit für Analphabeten

Was denn das Geheimnis seines hochzuverlässigen Logistiksystems sei, wird Raghunath oft gefragt. Ein Geheimnis gibt es eigentlich nicht, nur ein unnachahmbares Geschäftsmodell. 80 Prozent der Dabbwalas haben keine schulische Ausbildung, können also weder lesen noch schreiben. „Dabbawalas lernen durch die Arbeit“, sagt der Inder gegenüber der Aargauer Zeitung. Deshalb hat er sich ein eigenes System ausgedacht, wie seine Fahrer jede Box schnell und einfach dem richtigen Empfänger zuordnen können. Auf den runden Blechdeckeln befindet sich eine Kombination aus Farben, Zahlen und Buchstaben, welche ganz individuell vergeben ist. Dass er die Bedürfnisse seiner Arbeiter an die Prozesse des Unternehmens ausrichtet, sieht Raghunath als entscheidender Faktor für das gut laufende System.

Generell ist er der festen Überzeugung, dass nur Analphabeten diesen Qualitätsstandard einhalten können. Wahrscheinlich auch deshalb, weil es sonst keine Arbeit für diese Menschengruppe gäbe. Auch wenn sich immer wieder Manager an den indischen Unternehmer wenden, muss er sie oft mit derselben Aussage enttäuschen: „Der Kontext, in dem sich das Dabbawala-System in Mumbai über so lange Zeit erfolgreich entwickeln und behaupten konnte, ist nicht auf andere Länder übertragbar“. Einer der Gründe ist die Tatsache, dass die Dabbawalas nach dem Motto „Think Locally, act Locally“ arbeiten. In den westlichen Ländern hat sich aber eher der Gedankengang „Think Globally, act Locally“ etabliert.

 

/ Geschrieben von Corinna Flemming


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