Logo logistik Watchblog
Blogmenü

Vor wenigen Tagen haben wir bereits darüber berichtet, wie der KEP-Dienstleister DPD mit der Coronakrise umgegangen ist. Im folgenden Interview erklärt Sebastian Kaltofen, Regional Communications Manager beim Paketdienst Hermes, die größten Herausforderungen des Unternehmens in der Pandemie und wie sich der Logistiker auf eine mögliche zweite Welle vorbereitet hat. 

Hermes Logo Gebäude
© Hermes/Willing-Holtz

Welche Maßnahmen hat Hermes in der Coronakrise unternommen, um weiterhin den Betrieb aufrechterhalten zu können?

Sebastian Kaltofen, Hermes: Unsere oberste Priorität ist es weiterhin, eine Ansteckung unserer Mitarbeiter*innen, Servicepartner*innen und der Zusteller*innen zu vermeiden. Gleichermaßen gilt es, unsere Kund*innen bestmöglich zu schützen und dazu beizutragen, die weitere Verbreitung des Virus in Deutschland insgesamt einzudämmen. Darauf richten wir unsere Prozesse und den Zustellservice seit Beginn der Corona-Pandemie konsequent aus.

Der Hermes Krisenstab ist bereits seit Ende Februar aktiviert und stand von Beginn an in engem Austausch mit dem Krisenstab der Konzernmutter Otto Group. Alle Mitarbeiter*innen in der Hamburger Unternehmenszentrale und an unseren Logistik-Standorten wurden kontinuierlich über notwendige Hygiene- und Schutzmaßnahmen unterrichtet und ausdrücklich dazu aufgefordert, diese zu beachten und einzuhalten. Diese orientieren sich – auch weiterhin – an den offiziellen Empfehlungen der Behörden und des Robert-Koch-Instituts, werden fortlaufend überprüft und bei Bedarf kurzfristig angepasst.

Da bei Hermes Mitarbeiter*innen aus vielen Nationen arbeiten, erfolgt die Kommunikation mehrsprachig. Um die Lieferfähigkeit weiterhin gewährleisten zu können, sind wir frühzeitig in unseren Logistikstandorten vermehrt dazu übergegangen, kleine Teams zu etablieren. Diese haben weder während der Arbeits- noch in der Pausenzeit Kontakt zu anderen Teams. Falls es innerhalb eines solchen Teams zu einer Corona-Infektion käme, kann somit verhindert werden, dass alle Mitarbeiter*innen in Quarantäne müssten und der Standort geschlossen werden müsste. Des Weiteren stellen wir sicher, dass an allen Hermes-Standorten ausreichende Mengen mit viruzid wirksamen Desinfektionsmitteln zur Verfügung stehen.

Auch unsere Servicepartner*innen und ihre Zusteller*innen haben wir ausführlich über die erforderlichen Hygienemaßnahmen informiert und zur Beachtung sowie Einhaltung aufgefordert. Wichtigste Schutzmaßnahme für Zusteller*innen und Kund*innen ist, dass sowohl die Zustellung an der Haustür als auch die Paketabholung im PaketShop kontaktlos erfolgt. Dafür hat Hermes eine Lösung entwickelt, bei der die Unterschrift auf dem Scanner entfällt und der Zustellnachweis per Foto erfolgt. Somit ist der derzeit dringend gebotene Abstand von mindestens 1,5 Metern während der Paketzustellung gewährleistet. Gleichzeitig haben wir die Transporter der Zusteller*innen mit Wasserkanistern und Flüssigseife ausgestattet, sodass unabhängig von Tankstellenstops o. Ä. das regelmäßige Waschen der Hände möglich ist. 

Was war die größte Herausforderung in der Krise? Gab es positive Überraschungen, bei denen etwas besser geklappt hat, als erwartet? Wo gab es Probleme?

Die Corona-Krise hat vielfältige Herausforderungen mit sich gebracht: Vom bestmöglichen Schutz der Gesundheit unserer Mitarbeiter*innen, Servicepartner*innen und Zusteller*innen wie auch Kund*innen als unsere oberste Prämisse über die Einführung von Hygienemaßnahmen und Abstandsregelungen in den Logistik-Centern bis hin zur zügigen Einführung einer kontaktlosen Zustelloption. All das musste binnen kürzester Zeit, praktisch „nebenbei“, umgesetzt werden, denn bedingt durch die Krise verzeichnen wir einen sprunghaften Sendungsanstieg von bis zu 40 Prozent. Wir sprechen hier von Sendungsmengen auf Vorweihnachtsniveau ohne jede Vorbereitungszeit.

Zudem haben wir als Paketdienstleister auch eine hohe Verantwortung der Gesellschaft gegenüber: Gerade in Zeiten des Lockdowns konnten wir einen wichtigen Beitrag zur Versorgung der Bevölkerung leisten. Unsere Zusteller*innen haben in dieser Zeit einen großartigen Job gemacht und waren bzw. sind täglich im Einsatz, damit andere zu Hause bleiben können. Auf diese Leistung sind wir stolz. Zudem haben wir aufgrund unseres stabilen Netzwerks jederzeit verzögerungsfrei zustellen können.

Anfängliche Herausforderungen gab es naturgemäß bei der Einführung einer völlig neuen Art der Zustellung ohne jede Vorbereitungszeit – in nur 48 Stunden haben wir eine erste Lösung für unsere kontaktlose Paketzustellung entwickelt. Das ist eine großartige Bestätigung unserer bestehenden agilen Prozesse und Arbeitsweisen. Sowohl Zusteller*innen als auch Kund*innen mussten sich zunächst einmal an das neue Prozedere gewöhnen. Doch schnell haben alle Seiten erkannt, wie wichtig die kontaktlose Zustellung ist.

Werden Sie vorgenommene Änderungen dauerhaft beibehalten? Wenn ja, welche sind das und wieso?

Da wir uns – was die Sendungsmengen und auch die Schutzmaßnahmen betrifft – noch Mitten in der Corona-Zeit befinden, ist es für solche Aussagen noch etwas zu früh. Selbstverständlich beobachten und evaluieren wir kontinuierlich unsere Prozesse, die aktuell sehr gut funktionieren.

Wie hat sich das Sendungsvolumen verändert? Mussten dafür mehr Kapazitäten und Jobs geschaffen werden? 

Das Sendungsvolumen hat in der Hochphase der Krise um knapp 40 Prozent zugelegt. Auch jetzt spüren wir immer noch deutlich höhere Sendungszahlen als im Vergleich zu den Vorjahren. Um diese sprunghaften Sendungsanstiege bewältigen zu können, wurden sehr kurzfristig 1.200 neue Zustelltouren aufgebaut und auch an allen Standorten das Personal deutlich aufgestockt.

Können Sie etwas aus der Krise mitnehmen, das Ihr Geschäft für die Zukunft möglicherweise sogar verbessert? Hat Corona die Paketzustellung grundlegend und auf lange Sicht verändert oder wird es ein „wie davor“ nach überstandener Krise geben?

Die Corona-Krise hat nicht nur dazu geführt, dass die Menschen mehr online bestellen als zuvor, Online-Shopping wurde als Möglichkeit des Konsums zum Teil ganz neu entdeckt. Das zeigt eine aktuelle repräsentative Online-Befragung, die wir mit dem Marktforschungsinstitut Heute und Morgen durchgeführt haben. Den Ergebnissen zufolge empfängt fast jede*r zweite Deutsche aktuell häufiger Pakete als noch vor Corona (39 Prozent), dabei handelt es sich meist um Online-Bestellungen: 48 Prozent der Befragten bestellen seit Beginn der Corona-Krise häufiger bei Händlern im Internet. Jede*r Zehnte (10 Prozent) hat diese Möglichkeit des Konsums in den vergangenen Monaten sogar ganz neu für sich entdeckt. Die aktuelle Studie bestätigt, was wir als Paketdienstleister seit einigen Monaten wahrnehmen: Die Relevanz des Paketempfangs und -versands steigt und dabei handelt es sich nicht um einen kurzlebigen Trend.

Was uns die Studie ebenfalls gezeigt hat und uns besonders freut: Die gesellschaftliche Wertschätzung gegenüber Paketzusteller*innen hat durch die Coronakrise bei 60 Prozent der Deutschen zugenommen: Damit liegen Paketzusteller*innen nur knapp hinter den Supermarktmitarbeiter*innen (69 Prozent) und dem Krankenhauspersonal (73 Prozent), bei denen die Wertschätzung im Vergleich noch stärker angestiegen ist.

Ist Hermes auf eine zweite Welle vorbereitet?

Der Schutz unserer Mitarbeiter*innen und Kund*innen hat für uns weiterhin höchste Priorität. Aus diesem Grund werden auch weiterhin alle gesetzlichen Vorgaben sehr genau umgesetzt und nachgehalten. Die Notfallpläne für unsere Standorte sind vorbereitet – auch wenn wir natürlich hoffen, dass diese nie zum Einsatz kommen. Die kontaktlose Zustellung wird weiterhin umgesetzt. Natürlich weiß niemand, ob eine zweite Welle kommen wird und wie diese aussieht, aber: Wir tun alles, was wir können, um bestmöglich vorbereitet zu sein.

Vielen Dank für das Gespräch!

/ Geschrieben von Corinna Flemming