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Im Interview sprechen wir mit Sabrina Pohlmann über ihre Arbeit als Beraterin für nachhaltige Logistik und was jeder einzelne von uns zum Klimaschutz beitragen kann.

Grüne Fingerabdruck Baum
Cienpies Design/Shutterstock.com

Hallo Frau Pohlmann, erzählen Sie etwas über sich.

Sehr gerne. Als Kind der Achtzigerjahre wuchs ich in Berlin auf und war schon, seit ich denken kann, von der Logistik umgeben. Meine Eltern hatten eine Spedition und ich arbeitete bereits als Schülerin im elterlichen Betrieb mit. Ich konnte viel lernen und meine Faszination für Lkw, Lager, Organisation, Planung, Abläufe etc. wuchs stetig. Nach der Schule absolvierte ich eine Ausbildung zur Speditionskauffrau, studierte im Anschluss Logistik und erlangte dort meinen Abschluss zur Betriebswirtin. Das Thema Nachhaltigkeit hat mich ebenfalls seit meiner Kindheit begleitet. Ich hatte sogar mit meiner besten Freundin zusammen einen „Umweltclub“.

Warum sind Sie Beraterin für nachhaltige Logistik geworden?

Zum Ende meiner Schulzeit war ich, wie viele junge Menschen, noch etwas unschlüssig, was ich gerne bis an mein Lebensende machen möchte. Schlussendlich wollte ich aber in die Fußstapfen meiner Eltern treten und bin als Azubine bei meinen Eltern eingestiegen. Das war auch eine sehr gute Entscheidung, denn ich bekam schon frühzeitig spannende und verantwortungsvolle Aufgaben. 2020 sind es mittlerweile 20 Jahre Berufserfahrung.

2015 gründete ich mein veganes FairFashion Label FERDINandNOAH. Meine Arbeit dort ist sehr inspirierend und Augen öffnend. Denn aus der Rolle eines Herstellers heraus merkte ich schnell, welche Verantwortung und Steuerungsmöglichkeit ich im Hinblick auf die Produktentwicklung habe. Darüber hinaus wollte ich mehr als „nur“ ein nachhaltiges Produkt verkaufen. Für mich war klar, dass auch die Prozesse, Abläufe etc. entsprechend ausgerichtet sein müssen. Gerade im digitalen Zeitalter bringt das beste, nachhaltigste Produkt nur halb so viel, wenn es in Plastik verpackt per Karton oder Tüte durch die Weltgeschichte und schlussendlich durch volle Straßen transportiert wird. Es ist mir ein Anliegen, diese Erkenntnis zu teilen und andere „an die Hand zu nehmen“, um Optionen aufzuzeigen. Aus diesem Grund gründete ich GRYNA und verband Logistik mit dem Thema Nachhaltigkeit.

Welche einfachen Schritte können auch kleine Unternehmen gehen, um schnell und einfach nachhaltiger arbeiten zu können?

Die beste Art, nachhaltig zu arbeiten, ist die Reduzierung von Verbrauchsmaterialien. Gehen Sie mit gesundem Menschenverstand an die Dinge und wägen Sie ab, ob es nun wirklich nottut, etwas zu drucken oder Dinge x-mal mit Folie zu umwickeln, „damit es hält“ oder „luftdicht“ verschlossen ist. Versuchen Sie, Plastik zu vermeiden, und ersetzen Sie, zum Beispiel Plastikflaschen durch Glas oder Wasserspender.

„Grundsätzlich ist natürlich jedes gesparte Paket super.“

Was sind die größten Herausforderungen für nachhaltiges und umweltbewusstes Arbeiten in der Logistik?

Die größten Herausforderungen sind, Dinge, Abläufe, die „schon immer so waren“, neu zu beleuchten, zu hinterfragen und zukunftsgerichtet anzupassen. Die eigentliche Arbeit beginnt somit in den Köpfen aller. Umweltbewusst bzw. nachhaltig fängt schon mit der Vermeidung oder Reduzierung an. Dazu muss ich mein eigenes Tun und Handeln hinterfragen.

Ein weiterer Punkt ist das partnerschaftliche Miteinander zwischen Versender und Transportdienstleister: Brauche ich wirklich Ad-hoc-Transporte, Teilladungen etc.? Oder kann ich das mit Vorlauf bzw. Anpassung von Prozessen nicht auch anders lösen und erhöhe so den Auslastungsgrad der Lkw und spare somit wieder andere ein? Das hilft beiden Seiten und der Umwelt. Logistische Prozesse sind in der DNA jedes (Handels-) Unternehmens. Logistik muss und wird es immer geben. Deswegen ist sie aus meiner Sicht eine der wichtigsten Wirtschaftszweige im Bereich Umwelt und Nachhaltigkeit.

Muss umweltbewusstes Arbeiten immer teuer sein?

Sabrina Pohlmann © Studioline
Das ist ja die Krux. Vermeidung und Reduzierung spart ja etwas ein. Es gibt aber auch neue, innovative Rohmaterialien/Produkte, die im Moment noch teurer sind als der Standard. Aber wir dürfen an dem Punkt nicht vergessen, dass die Forschung und Entwicklung von Alternativen erst in der letzten Zeit richtig Fahrt aufgenommen hat und sich die Kosten für Innovationen noch nicht amortisiert haben können. Das ist das Lehrgeld, das wir als Wirtschaft für all die „verschwenderischen Jahre“ zu zahlen haben. Das wird sich im Laufe der Zeit alles noch einpendeln.

Im letzten Jahr gab es die Debatte um die Retourenvernichtung bei großen Konzernen. Was halten Sie davon?

Wenn die Wiederbeschaffungskosten eines Artikels günstiger sind, als den retournierten Artikel aufzubereiten, läuft etwas gewaltig schief. Da muss ich mich als Händler doch fragen, warum die Qualität des Produktes so schlecht ist, und beim Lieferanten einfordern, dass bei der Produktentwicklung der Produktlebenszyklus deutlich verlängert wird. Oder ist es auf einen unachtsamen Umgang mit dem Artikel zurückzuführen? Hier wäre die Frage: Will ich das als Händler unterstützen und fördern?

Was kann jeder von uns tun, um in Bezug auf unser Shopping-Verhalten ein kleines bisschen grüner und umweltbewusster zu handeln?

Gemeine Frage, Sie kennen Ihre Leserschaft. Denn grundsätzlich ist natürlich jedes gesparte Paket super. Aber das ist natürlich im digitalen Zeitalter utopisch. Aber als Konsument sollte ich mich tatsächlich fragen, ob ich wirklich alles last minute im Netz bestellen muss, weil ich vergessen habe, dass jedes Jahr Weihnachten ist. Oder ob es nicht vielleicht daran liegt, dass ich selbst so im Stress bin und gar keine Zeit habe, offline zu shoppen.

KEP-Dienstleister wie Hermes und DHL arbeiten bereits mit verschiedenen Strategien daran, in den kommenden Jahren komplett emissionsfrei Pakete zuzustellen. Sehen Sie dies als realistisch an oder muss in diesem Bereich deutlich mehr passieren, als beispielsweise der Einsatz von elektrischen Fahrzeugen auf der letzten Meile, um dieses Ziel zu erreichen?

Komplett emissionsfrei ist schon sportlich. Denn auch eine Elektrobatterie wird, wenn man ehrlich ist, nicht gerade umweltfreundlich hergestellt, und das zählt ja ebenfalls zu der Betrachtung dazu. Es gibt aber auch gute prozessuale Ansätze, wie die Micro Hubs und Paketstationen in einigen Städten, die gemeinsam genutzt werden. Jeder ernst gemeinte Schritt ist ein Schritt in die richtige Richtung. Zusätzlich würde ich mir noch mehr partnerschaftliches Miteinander wünschen. Es sind genug Pakete für alle da.

Die Logistikbranche ist das Rückenmark der Wirtschaft

Müssen Ihrer Meinung nach die großen Konzerne um Amazon und Co. in Sachen Umweltschutz und Nachhaltigkeit vorangehen, um wirklich einen Unterschied machen zu können?

Es geht nicht darum, einen Unterschied zu machen, sondern neue Standards zu etablieren. Standards, die es nachfolgenden Generationen möglich machen, auf unserem Planeten gesund und voller Freude zu leben. Wir alle müssen uns unserer Verantwortung bewusst werden. Überall im Alltag treffen wir auf Hinweise wie „bitte verlassen Sie diesen Ort, wie Sie ihn selber vorfinden möchten“. Übertragen wir das auf unseren Planeten Erde und unsere Handlungsverantwortung.

Große Konzerne haben eine große Reichweite und dadurch eine riesige Spielmasse, um etwas zu verändern, das sich dann auch sofort auf die Umwelt auswirkt. Durch ihre Größe können sie neue Maßstäbe und Standards bei den Lieferanten etablieren. Einmal umgesetzt, wird kein Lieferant zweigleisig fahren, und schon haben sie automatisch die Reichweite weiter ausgebaut. Denn der Lieferant arbeitet ja nicht exklusiv für große Konzerne.

Ganz aktuell: Welche Auswirkungen wird deiner Ansicht nach die Coronakrise auf die gesamte Logistikbranche und allen voran auf die Thematiken Umweltschutz und Nachhaltigkeit haben?

Die Logistikbranche ist das Rückenmark der Wirtschaft. In der „Normalität“ kaum sichtbar bzw. wahrgenommen, aber sie versorgt uns alle mit Dingen die wir benötigen. Übertragen heißt das auch, dass wir als Gesellschaft / Wirtschaft abhängig von einer gut funktionierenden Logistik sind. Egal ob es die letzte Meile, der Fernverkehr oder Lagerprozesse sind. Durch den starken Einsatz der Mitarbeiter(innen) können wir uns alle (fast) jeden Luxus gönnen -  denn die Beschaffungs- und Distributionsprozesse der Logistik machen es möglich. Auch in Zeiten einer Krise!

Für eine nachhaltige Zukunft brauchen wir den Zusammenhalt und das Zusammenspiel aller Akteure innerhalb der Wertschöpfungsketten. Dazu gehören das überarbeiten von Beschaffungskonzepten wie z.B. Just-in-Time Lösungen genauso dazu, wie die Reduzierung von Einwegverbrauchsmaterialien oder den Einsatz von energieeffizienten Fahrzeugen.

Jeder Akteur der Wertschöpfungskette ist ein Teil des Ganzen und es bringt, auf lange Sicht nichts, wenn jeder nur seine eigenen Tanzbereich optimiert.

Wie genau sieht Ihre Tätigkeit als Beraterin für nachhaltige Logistik aus?

Im Grunde ist es wie mit einem Auto in einer Werkstatt. Ich fange mit einer Begutachtung und Analyse an. Im Anschluss werden Teile ausgetauscht, verbessert und poliert und schließlich wieder zusammengesetzt. Das Ergebnis ist ein frisches, auf die Zukunft eingestimmtes Gefährt. Anders ausgedrückt biete ich Beratungen im Allgemeinen, Strategie-Workshops, Erstellung von Konzepten, Entwicklung von Lösungsansätzen und die Umsetzung von Projektthemen an.

Beschreiben Sie doch einmal Ihren Berufsalltag als Beraterin.

Ich finde, ein persönlicher Kontakt ist sehr wichtig. Aber manchmal sind die Kunden auch etwas weiter weg, und dann starten wir mit einem netten Telefonat oder einer Videokonferenz. Das ist ja heutzutage alles kein Problem. Je nach Aufgabenstellung ist ein Besuch beim Kunden vor Ort aber auch die Basis für meine Arbeit. Es gibt allerdings auch Themen wie „nachhaltige Verpackung“. Da ist ein Besuch nicht zwingend notwendig.

Wie lange betreuen Sie in der Regel einen Kunden?

Meine Betreuungszeit geht über die eigentliche Dienstleistung hinaus, denn ich finde Beratung und Projektmanagement ist auch etwas Persönliches. Und so halten wir die Verbindung, um die Entwicklung zu sehen oder noch weitere Anknüpfungspunkte zu finden.

Was für Leistungen bieten Sie einem Unternehmen genau an und wie sind die Kosten?

Ich berate, konzeptioniere, recherchiere, arbeite im Projekt mit oder bin Sparringspartner. Das kommt auf das Unternehmen und die Aufgabenstellung an. Je nach Tätigkeit gibt es Kostenbzw. Tagessätze. Allerdings biete ich, gerade im StartUp-Bereich, auch ein anderes Modell an. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass gerade junge Unternehmen nicht das Budget zur Verfügung haben, jemanden Externes hinzuziehen. Aber gerade in dieser Phase ist es extrem wichtig, eine gute Grundlage als Basis für erfolgreiches Wachstum zu haben. Deshalb verfahre ich hier nach dem Grundsatz: „Was ist es dir wert bzw. was kannst du aufbringen?“

Hatten Sie auch schon einmal hoffnungslose Fälle bzw. sind Sie mit Ihrer Beratertätigkeit auch schon mal an Ihre Grenzen gestoßen?

Hoffnungslos ist vielleicht etwas krass formuliert. Was nicht unterschätzt werden darf, ist, dass Veränderung und Neues Zeit brauchen. Für den einen ist es kein Problem und er freut sich auf positive Veränderung. Ein anderer muss sich erst daran gewöhnen und braucht etwas länger oder versteht die Zusammenhänge nicht direkt. Dann braucht es noch einmal mehr Zeit und Geduld. Bei aller Wertschätzung innerhalb der Kundenbeziehung ist die Objektivität bei der Arbeit eine essenzielle Eigenschaft als Berater und mein Schutz, an meine Grenzen zu kommen.

Vielen Dank für das Gespräch.

/ Geschrieben von Corinna Flemming


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