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Dank intelligenter Routen- und Verkehrsplanung sollen Zustellprozesse noch präziser und effizienter werden. Das ist der Ansatz von NUNAV, einem System des jungen Unternehmens Graphmasters. Im Interview erklärt COO Sebastian Heise, an welche Trends sich die Logistikbranche in Zukunft gewöhnen muss und welche Rolle die digitale Tourenplanung dabei spielt.

Holzblöcke mit Gesichter
Pasuwan/Shutterstock.com

Was macht Ihre Software so besonders? Wie können Paketdienste davon profitieren? Welche Neuerungen bedeutet ihr Einsatz beispielsweise für die Zustellung auf der letzten Meile?

Wir verweben eine Vielzahl von Detailinformationen zu idealen Multistopp-Touren. Die Software passt diese Touren zudem alle 15 Sekunden auf sich verändernde Bedingungen an. Das kann ein Stau sein, das kann aber auch ein während einer Tour, neu eingehender Auftrag oder Kundenwünsche etwa bzgl. eines Lieferzeitpunkts sein. Die Fahrer können die Touren dann über die zugehörige Navigations-App abfahren. Das reduziert zudem die Einarbeitungszeiten ganz maßgeblich.

Besonders stolz sind wir zudem auf unsere KI-basierten Verkehrsvorhersage-Modelle. NUNAV Courier ermittelt nicht nur die Verkehrslage und Staus, sondern misst auch kontinuierlich Wartezeiten an Kreuzungen oder Bahnübergängen. So entstehen zu unterschiedlichen Uhrzeiten ganz unterschiedliche Touren und wir können auf die Minute genaue Ankunftszeiten schon viele Stunden vor Abfahrt aus dem Depot prognostizieren. 

Dazu berücksichtigen wir bspw. rechtliche Restriktionen wie Zufahrtsbeschränkungen zu bestimmten Zeiten für bestimmte Fahrzeugklassen in Innenstädten und verbinden diese mit Öffnungszeiten von Geschäften und den Zeitvorgaben des Kunden. Das ist ein Thema, dass gerade mit der in vielen Städten angestrebten Verkehrswende mehr und mehr an Bedeutung gewinnen wird.

NUNAV Courier ermittelt zudem ideale, aufeinander abgestimmte Tourverläufe für große Fahrzeugflotten. Dabei werden Überladungen vermieden und Arbeitszeitmodelle oder auch Lenkzeiten berücksichtigt. Außerdem ermöglichen wir interessierten Kunden die Lösung von den herkömmlichen Gebietseinteilungen hin zu einer modernen KI-Tourenplanung. Das birgt noch mal ganz erhebliches Effizienzpotenzial. 

Wenn man den Markt betrachtet, ist die Zahl der Anbieter, die diese Kombination an Features bieten, die Tourenberechnung nahezu in Echtzeit immer wieder überprüfen und jederzeit Änderungen vornehmen können, derzeit äußerst überschaubar.

Wofür steht der Name ihres Systems NUNAV? Hat er eine spezielle Bedeutung?

NUNAV steht für die Idee, Verkehre in Städten und im Allgemeinen zu verbessern. Das NUNAV System ermittelt für alle beteiligten Fahrer ideale Fahrstrecken. Und das tut es – anders als der absolute Großteil der herkömmlichen Navigations-Anwendungen – unter Berücksichtigung aller anderen Fahrer. Das heißt: Staus werden nicht umfahren, sie werden vermieden bevor sie entstehen. Wir nennen das „Collaborative Routing“ und es bildet den technologischen Kern des Kunstwortes NUNAV: neue Navigation.

Hermes Tourenplanung
© Hermes

Welche Dienstleister haben NUNAV bereits im Einsatz?

NUNAV wird inzwischen von verschiedenen Paketzustellern und Logistikern genutzt. So sind alle Hermes-Boten mit NUNAV Courier ausgestattet. Auch die Österreichische Post fährt mit uns bereits flächendeckend. Andere bekannte KEP-Dienstleister rollen gerade NUNAV bei sich aus. Aber darüber sprechen wir, wenn es soweit ist. Und auch der Food-Sektor wächst bei uns. Nicht zuletzt auf Grund der Corona-Krise erleben Lebensmittel-Lieferungen einen Boom. Zusammen mit dem ebenfalls mit Corona einhergehenden Schub bei Online-Bestellungen spüren wir das natürlich auch in der Nachfrage nach unseren Produkten derzeit deutlich.

Pakettracking und Nachhaltigkeit nehmen an Wichtigkeit zu

Sie haben die Software an die aktuelle Corona-Krise angepasst. Wie genau?

Wir bieten NUNAV Courier stark vergünstigt an und ermöglichen Kleinunternehmen eine unkomplizierte Aufgleisung. Damit wollen wir alle diejenigen unterstützen, die jetzt plötzlich auch Lieferservices anbieten müssen, im Bereich der Routenplanung allerdings keine Erfahrung mitbringen. Wir haben da mittlerweile Anfragen von zahlreichen Restaurants, Einzelhändlern, aber auch Biohöfen und Ehrenamtlichen aus dem gesamten Bundesgebiet.

Hier zahlt sich aus, dass wir NUNAV Courier zwar grundsätzlich für Großflotten gebaut haben, die Anwendung aber frei nach unten skalierbar ist. Ob ein Fahrzeug, 10 Fahrzeuge oder 10.000 Autos spielt da streng genommen keine Rolle. Gleichzeitig haben wir die vergangenen Wochen genutzt und haben die Hürden etwa bei der Registrierung auch für kleinere Kunden deutlich gesenkt. 

Was gerade noch hinzu kommt: Viele unserer Kunden müssen ihre Touren derzeit mit erheblich mehr Stopps fahren. Wo bisher 100 bis 150 Stopps pro Fahrzeug pro Tag Usus waren, kommen manche jetzt auf 220 Stopps. Das macht die Rechenprozesse der Tourenplanung exponentiell komplexer und ist eine echte Bewährungsprobe. Unsere Software schafft auch das ohne Probleme. Unsere Kunden merken davon – zumindest, was die Tourenplanung betrifft - nichts.

Wie finanziert sich Graphmasters? Wer zahlt welche Preise bzw. welche Kosten entstehen für die Nutzer?

Wir verdienen unser Geld mit mehreren Säulen: eine bildet NUNAV Courier. Hier arbeiten wir mit einem Lizenzmodell. Nach einer mehrmonatigen Testphase mit reduzierten Kosten greift dann der volle Preis. 

Wir haben das Lizenzmodell so konstruiert, dass die Effizienzgewinne die Lizenzkosten bei weitem aufwiegen. In Deutschland werden schon jetzt 700.000 km von KEP-Unternehmen, die mit NUNAV unterwegs sind, eingespart – und das jede Woche. Ganz einfach gerechnet fallen monatlich 100,- Euro pro Fahrzeug an. Da mit NUNAV Courier bis zu 30 Prozent mehr Stopps pro Tour gefahren werden können, kann man sich dann leicht ausrechnen, wie groß die individuelle Ersparnis ist. 

Eine andere Säule, über die wir bis hierhin nur am Rande gesprochen haben, sind unsere Venue-Services und die intelligente, digitale Verkehrslenkung, bei denen wir mit Veranstaltern von Messen oder Konzerten und genauso mit öffentlichen Auftraggebern zusammenarbeiten. Die tragen dann natürlich auch die Konzepte und die damit verbundenen Kosten.  

In der Vergangenheit wurde von verschiedenen KEP-Dienstleister immer wieder betont, die Haustürzustellung würde zu einer “Luxus-Dienstleistung” werden. Statt jeden Haushalt einzeln anzufahren, sollten Sendungen vermehrt an zentralen Stellen, wie bspw. Paketstationen, abgegeben werden. 

Ob Luxus oder nicht: hier geht es ja um eine bessere Schnittstelle zwischen Kunden und Lieferant, da gerade privat die Menschen oft nicht anzutreffen sind. Und da brauchen wir Lösungen. Und sicherlich wird die Tourkomplexität durch die Reduzierung der Stopps gemindert, komplizierter wird allerdings die richtige Ausnutzung und Beladung der Fahrzeuge: Wieviele Paketshops kann man sinnvoll anfahren? Welche Fahrzeuggröße ist effizient? Wie bringe ich das mit Lenkzeiten, Zufahrtsrestriktionen etc. unter einen Hut? Das rein rechnerische Problem der Tourenoptimierung wird nicht kleiner, es verschiebt sich nur einen Schritt nach vorne in der Logistikkette.

Wie beurteilen Sie die Entwicklungen in der Haustürzustellung? Wie geht diese Entwicklung mit Ihrem Ansatz zusammen?

Was künftig eine noch größere Rolle spielen wird, sind die Kundenwünsche. Nicht umsonst hat DHL ja gerade nachgezogen und ein Pakettracking eingeführt – ein absolut richtiger Schritt. Die Kunden wollen nicht mehr halbe Tage frei nehmen müssen, um auf Handwerker, Möbellieferungen oder eben Pakete zu warten. Umso wichtiger wird es also, die Ankunftszeiten der Lieferungen möglichst exakt prognostizieren zu können. 

Dieser Trend reicht weit über die Logistikbranche hinweg: Kunden richten sich nicht mehr nach den Unternehmen, die Unternehmen müssen sich nach den Kunden richten. Das ist ein Grundwesenszug der Digitalisierung. 

Aber auch das Thema Nachhaltigkeit wird demnächst wieder eine noch größere Rolle spielen. Und da stehen wir bereit. Wer sieht, dass sein Paket mit NUNAV geliefert wurde, soll künftig wissen: hier wurden keine Kilometer zuviel gefahren, kein Kraftstoff wurde durch ineffiziente Routen verschwendet, CO2 und Schadstoffe wurden durch ideale Routen eingespart. 

„Wenn jetzt der Faktor ‘Geschwindigkeit’ erreicht ist, werden Pünktlichkeit, Sicherheit und Verlässlichkeit mehr in den Vordergrund rücken.“

Zunehmende Paketmengen, wenige Haltemöglichkeiten, steigendes Interesse an Nachhaltigkeit – wie wird Ihrer Meinung nach die letzte Meile der Zukunft aussehen? Was muss geschehen, um einen effektiven und umweltbewussten Paketversand gewährleisten zu können?

Auch, wenn Lieferungen unter Klimagesichtspunkten oft kein gutes Image haben, lässt sich rechnerisch leicht belegen, dass im Vergleich zu individueller Versorgung Lieferdienste sehr effizient sind. In Kombination mit dem ohnehin schon vorhandenen Kaufverhalten vieler Kunden, wird dieser Trend voraussichtlich weiter zunehmen. 

Die letzte Meile wird mittelfristig über eine Kombination unterschiedlicher Zustellungsmodi gefahren. Die erwähnten Paketstationen werden eine Rolle spielen genauso wie autonome Vehikel. Aber ich sehe auch einige interessante Ansätze und Anwendungen etwa für die Drohnenzustellung durch die Luft – übrigens auch aus Deutschland. 

Bei Ideen, wie etwa der Umnutzung von Infrastruktur wie U-Bahnen für die Paketzustellung, bin ich dagegen eher skeptisch. Die Investitionen sind groß und Nutzungskonflikte vorprogrammiert. Zudem gibt es da eben deutlich günstigere Lösungen über eine intelligente Verteilung der Verkehre auf die vorhandenen Netze mit im Zweifel höheren Effizienzgewinnen.  

Zustellqualität und Liefergüte lassen sich allerdings auch durch verstärkte Kommunikation mit dem Kunden steigern, etwa durch smartere Verplanung von Zeitzustellungen. Da ist noch viel Luft nach oben. Akuten Handlungsbedarf sehen wir in der Bewältigung der schon heute gültigen Rechtsvorgaben und einem zunehmenden Druck etwa durch Umweltvorgaben in der Fahrzeugtechnik. Gleichzeitig steigt der Bedarf nach Service und Qualität. 

Denken Sie, dass die Entwicklungen auch den Wünschen und sich wandelnden Bedürfnissen der Endkunden/Empfänger entsprechen? Oder werden die Trends vor allem durch die Umstände in der Logistik getrieben?

Als Technologie-Unternehmen gehört der Wettlauf um den Fortschritt zum täglichen Geschäft. Keine Branche kann sich der Entwicklung und den Möglichkeiten von künstlicher Intelligenz verweigern, auch nicht die Logistik. Tatsächlich hat sich allerdings an der Konstruktion der Lieferkonzeptionen über Jahrhunderte wenig geändert, was ehrlicherweise nur ein bedingt gutes Zeugnis auf die Wandlungsfähigkeit oder Innovationsbereitschaft unserer Branche wirft. 

Der eigentliche Wandel wird allerdings durch den Kunden bestimmt. Die immer umfassenderen Möglichkeiten im E-Commerce, die schier unendliche Verfügbarkeit und Auswahl an Waren spricht für sich. Und was der Kunde will und sich leisten kann, das bestellt er auch. Einhalt kann dem vielleicht einmal die 3D-Druck-Technologie bieten. 

Bis dahin gilt: dem reinen Bedarf nach der eigentlichen Ware folgt der Bedarf nach Geschwindigkeit. Spätestens seit Amazon Prime stehen wir an diesem Punkt im Massengeschäft. Wenn jetzt der Faktor „Geschwindigkeit“ erreicht ist, werden demnächst Pünktlichkeit, Sicherheit und Verlässlichkeit noch mehr in den Vordergrund rücken. 

Und mit diesen immer komplexeren Logistik-Produkten werden auch wieder mehr Anforderungen an das Personal einhergehen: Fähigkeiten und Kundenbeziehungen  werden noch mehr in den Vordergrund rücken. Und da sprechen wir nicht von Straßennamen und Hausnummern, sondern von Kenntnissen von Produkt und Vornamen der Kunden.

Welche weiteren digitalen Lösungen können / sollten Paketdienste perspektivisch noch in Anspruch nehmen, um die Zustellqualität zu optimieren?

Es gibt viele hervorragende Ideen von jungen Unternehmen. Es hat einen Grund, warum wir beispielsweise workspace im Digital Hub Logistics Hamburg angemietet haben. Der Kontakt und das Netzwerk zu anderen innovativen Unternehmen ist auch für uns essentiell. Für große Unternehmen bedeutet die Implementierung neuer Prozesse aber immer auch einen tiefen Eingriff in die eigenen, etablierten Abläufe. Das erfordert Mut und Veränderungswillen. Wir wissen aus Erfahrung, wie herausfordernd das sein kann. Wir wissen aber auch, wie sehr sich der Einsatz von neuen Ideen und intelligenter Software lohnen kann. 


Sebastian Heise

Sebastian Heise hat 2012 zusammen mit Christian Brüggemann und Iulian Nitescu das Unternehmen Graphmasters gegründet. Er leitet vom Standort Hannover aus das operative Geschäft des Technologie-Unternehmens. Die Kernidee von Graphmasters ist es, Verkehre nicht egoistisch, sondern kollaborativ zu lenken. Daher beschäftigt sich der Informatiker Heise genauso mit intelligenter, digitaler Verkehrslenkung und Stauforschung wie mit Zukunftsfragen, wie durch den Einsatz von Software Effizienzsteigerungen erzielt werden können und man gleichzeitig auch Verkehr nachhaltiger und ressourcenschonender organisieren kann.




/ Geschrieben von Corinna Flemming


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