Logo logistik Watchblog

Mit Mehrwegverpackungen will das StartUp LivingPackets den Versandhandel revolutionieren. Dabei geht es dem Unternehmen um Umweltschutz und Nachhaltigkeit, aber auch die Akzeptanz der Branche und Nutzer. Über Herausforderungen und Chancen spricht CEO Alexander Cotte im Interview.

LivingPackets Box
© LivingPackets

Erklären Sie kurz das Konzept von LivingPacket. Wie ist die Idee dazu entstanden? 

Die Idee für The Box entstand 2016, als sich das Gründerteam zunächst mit der Idee befasste, Pakete weltweit innerhalb eines Tages durch Reisende zustellen zu lassen. Bei der Entwicklung hat sich aber gezeigt, dass bei Lieferkunden nicht unbedingt die Schnelligkeit an erster Stelle steht, sondern dass ihnen Zuverlässigkeit und Sicherheit viel wichtiger sind. So ist im Laufe eines Jahres die Idee zu The Box entstanden: eine intelligente Verpackung, die extrem sicher und zuverlässig ist. Die jederzeit den Versender und Empfänger über den aktuellen Zustand und Lieferweg informiert, und zudem noch Verpackungsmüll überflüssig macht und immer wieder verwendet werden kann. 

Gleichzeitig ergeben sich aus dem schnellen Wachstum des Online-Handels ganz eigene Probleme, für deren Lösung es noch keine ausreichenden Antworten gibt: Die globale E-Commerce-Branche ist eine 3,6 Billionen Euro-Industrie, die jedes Jahr um über 20 Prozent wächst. Jedes Jahr werden über 700 Millionen Bäume gefällt, um die 100 Milliarden Abfallpakete zu produzieren, die für Online-Lieferungen erforderlich sind. Und es landen Millionen von Tonnen an Verpackungsmüll und Plastik in unseren Meeren. 

Wir haben The Box erfunden, um letztendlich beide Bereiche zu lösen. Unser Ziel ist es, ein Versand- und Liefererlebnis zu schaffen, das so bequem ist, dass die Menschen es tatsächlich lieben werden, Dinge auf eine nachhaltigere und intelligentere Weise zu senden und zu empfangen. Gleichzeitig können wir durch unser Zirkulationssystem und die Gestaltung von The Box dafür sorgen, den ökologischen Fußabdruck im Online-Handel und der Logistik deutlich zu verbessern. Dafür haben wir das Thema Verpackung und Lieferung einmal komplett neu gedacht. Wir finden Recycling gut, aber wollen noch einen Schritt weiter gehen, denn unsere Überzeugung ist, dass Wiederverwendung besser als Recycling ist. Deshalb bauen wir ein ganzes System auf, in dem in den kommenden Jahren Millionen unserer Boxen von jedem verwendet werden können, um damit Waren zu versenden. Egal ob als Privatperson oder Unternehmen. 

Eingebaute Sensoren innerhalb jeder Box messen die Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Stöße. Kunden und Unternehmen können alle Daten über die eingebaute Internetverbindung abrufen und bekommen dadurch ein sicheres und bequemes Liefererlebnis. Gleichzeitig können wir damit auch die Kosten für E-Commerce-Unternehmen senken. The Box eliminiert den gesamten Verpackungsmüll dank eines automatischen Haltemechanismus. Sie ermöglicht eine Steuerung aus der Ferne und erhöhte Sicherheit gegenüber herkömmlichen Kartons bei jeder Lieferung. The Box ist aus extrem widerstandsfähigem Polypropylen gefertigt. Sie ist unendlich oft wiederverwertbar und ist für 1000 Versendungen konzipiert, bevor sie von uns wiederaufbereitet werden muss. 

Wie funktioniert der Rückversand und wie gut klappt das bisher in der Praxis? 

Unser Ziel ist es, den Versand für unsere Kunden so bequem wie möglich zu machen. Dafür arbeiten wir an mehreren Möglichkeiten, mit denen der Versand und Rückversand von The Box funktioniert. Während unserer ersten Markttests mit Cdiscount und Orange in Frankreich hat der Rückversand und damit die Zirkulation von The Box schon sehr gut geklappt. Die Nutzer konnten The Box an zahlreichen Drop-Off-Points in ihrer Nähe zurückgeben und haben dafür einen Gutschein erhalten. 

Für den Marktstart bauen wir derzeit unser Partnernetzwerk aus, in dem unsere Pakete abgegeben werden können. Gleichzeitig sind wir im Gespräch mit einigen Logistikunternehmen, dass sie The Box auch zu Hause wieder abholen, sodass es für unsere Nutzer noch bequemer wird, Pakete weiterzuschicken und sie somit wieder zirkulieren zu lassen. Da jede Box sehr robust ist, kann sie auch jederzeit an Freunde und Nachbarn weitergegeben werden, damit sie für deren Lieferungen benutzt wird. Wir sehen, dass insbesondere der Aspekt der Nachhaltigkeit und des nicht anfallenden Verpackungsmülls mittlerweile generationenübergreifend eine große Rolle spielt. 

Gleichzeitig werden wir Menschen die Möglichkeit bieten, ganz bequem Sachen an unsere gemeinnützigen Partnerorganisationen zu spenden, sodass auch die Lebenszeit von Gegenständen verlängert wird, die sonst im Müll landen würden. Wir arbeiten noch an weiteren Konzepten, die wir derzeit für die Markteinführung vorbereiten, doch zunächst konzentrieren wir uns auf die Basismechanismen der Zirkulation und werden die weiteren Konzepte dann in Zukunft vorstellen.

1.000 Lieferungen mit nur einer Box

Wie funktioniert die Wiederaufarbeitung der Verpackungen? Wie oft können diese verwendet werden? 

Der Akku einer jeden Box ist so stark, dass er bis zu 1.000 Lieferungen durchhält, bevor sie wieder zu uns zurückkommt und wir sie wieder aufarbeiten für die nächsten Reisen. Somit ergibt sich ein Zyklus von mehreren tausend Lieferungen mit jeder Box. Sollte eine beschädigt sein, tauschen wir die fehlerhaften Teile einfach aus. 

Sind Branche und Konsumenten bereit für Mehrwegverpackungen? Wie wird das Konzept bislang von Händlern und Kunden angenommen? 

Auf alle Fälle. Wir bekommen sowohl von Kunden als auch von großen und kleinen Händlern zu hören, dass sie The Box am liebsten sofort nutzen möchten. Mittlerweile haben mehrere Tausend Unternehmen über viele Branchen hinweg seit den ersten Veröffentlichungen bei uns angefragt, darunter sind einige der führenden E-Commerce-, Technologie-, Logistik- und Pharma-Unternehmen, um nur einige Branchen zu nennen. 

LivingPackets Box
© LivingPackets

In welchen Märkten sind sie bereits aktiv? 

Wir hatten einen erfolgreichen Testlauf mit dem französischen Online-Shop Cdiscount. Wir konzentrieren uns in diesem Jahr auf den Markteintritt in Deutschland und Frankreich mit ausgewählten Online-Händlern und werden dann unsere Produktion kontinuierlich ausbauen. Deshalb sind wir jetzt schon in Gesprächen für mögliche Partnerschaften mit der Post in Deutschland, Frankreich und der Schweiz und vielen großen Unternehmen im Online-Handel. 

Was sind Ihrer Meinung nach aktuell die größten Herausforderungen für Händler, wenn es um das Thema Verpackungen geht? 

Die Nachfrage nach nachhaltigen Verpackungen steigt stetig an, weshalb wir auch sehr viele Anfragen von Händlern bekommen, da sie aktuell nach einer Lösung suchen, die nachhaltig ist und gleichzeitig das Liefererlebnis verbessert. Denn eines zeigt sich auch im Verhalten der Menschen: Nachhaltigkeit kann nur funktionieren, wenn die Lösungen nicht an Bequemlichkeit gegenüber den aktuellen Lösungen einbüßen. 

Unternehmen streben nach Verbesserung des ökologischen Fußabdrucks

Wird das Thema Nachhaltigkeiten im Versandgeschäft noch zu wenig beachtet? 

Das ist eine gute Frage. Von unserer Position aus sehen wir, dass sehr viel Interesse im Markt besteht und viele Unternehmen im Versandgeschäft sich um eine Verbesserung des ökologischen Fußabdrucks bemühen. 

Welche Kosten kommen auf die Nutzer von LivingPacket zu? 

The Box ist kein Produkt, das unsere Kunden und Nutzer kaufen, sondern eine Dienstleistung. Wir nennen es Packaging-as-a-Service. Das bedeutet, dass E-Commerce-Unternehmen unsere Boxen nicht direkt kaufen, sondern nur für ihre Nutzung bezahlen. 

Wir haben unser Angebot in enger Zusammenarbeit mit unseren zukünftigen Kunden entwickelt und auf ihre Anforderungen ausgerichtet. So müssen E-Commerce-Unternehmen nicht mehr bezahlen als das, was sie für ihre Lieferungen in unserem Basis-Paket mit herkömmlichen Kartons bisher bezahlen müssen. Unsere Kunden können für jede Lieferung dann noch zusätzliche Leistungen zuschalten, wenn es die Lieferung nötig macht.

Was sind die Pläne für die Zukunft? 

Nach den erfolgreichen Markttests in Frankreich im vergangenen Jahr werden wir The Box in diesem Jahr trotz Corona in Frankreich und Deutschland auf den Markt bringen. Wir bauen derzeit die erste Produktionsanlage (mehr dazu in Kürze) und werden so bald wie möglich mit der Produktion beginnen. Bis Ende des Jahres wollen wir Zehntausende unserer Boxen im Umlauf sehen.

Vielen Dank für das Gespräch!


Alexander Cotte © Marcel Weiss
Alexander Cotte ist Geschäftsführer und Mitgründer von LivingPackets und ein großer Verfechter der Profit-Sharing-Wirtschaft. Er widmet seine gesamte Freizeit der Forschung über die Grundlagen der sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Dynamik. Durch diese Reise hat er seinen Lebenszweck gefunden: Alles zu tun, was nötig ist, um die Harmonie zwischen Mensch und Umwelt herzustellen und so zum Fortschritt der Menschheit beizutragen. In seinem Bestreben, die Vision der Wirtschaft mit einer breiten Gewinnbeteiligung aller zu verwirklichen, gründete er 2016 zusammen mit Teams in Frankreich, der Schweiz und Deutschland die LivingPackets Group. Ein Jahr später gründete Alexander die deutsche Tochtergesellschaft von LivingPackets und wurde deren Geschäftsführer. LivingPackets ist heute offiziell eine europäische Gruppe mit Hauptsitz in der Schweiz und Frankreich und einer neuen Tochtergesellschaft in Großbritannien.
/ Geschrieben von Corinna Flemming


Anchor Top