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Die Zusammenarbeit zwischen „althergebrachten“ Logistikern und StartUps ist in der Branche noch immer die Ausnahme. Eine Bitkom-Studie vor wenigen Wochen offenbarte, dass 9 von 10 Logistik-Unternehmen sich vor der Zusammenarbeit mit StartUps verschließen. Warum das so ist und welche Vorteile beide Parteien von einer Kooperation haben, erklärt Philippe Higelin, CEO von Redspher, im Gespräch.

Glühbirnen
Ivelin Radkov / Shutterstock.com

Was meinen Sie, warum fällt es Logistik-Unternehmen noch immer schwer, mit StartUps zusammenzuarbeiten?

Philippe Higelin: Das Hauptproblem liegt in der Unternehmenskultur: Hier treffen Welten aufeinander: Ein junges StartUp sucht noch nach der richtigen Kombination, um ein marktgerechtes Produkt mit einem nachhaltigen Umsatz- und Kostenmodell anzubieten. Dabei setzen StartUps auf Eigeninitiative und die ständige Suche nach Möglichkeiten. Hier geht es also um Reaktionsschnelligkeit und Innovationsfähigkeit. Etablierte Unternehmen leben hingegen von einem langjährig bewährten Geschäftsmodell und festen Strukturen und Prozessen. Werden solche Prozesse und Strukturen hinterfragt kann es schnell zu Budgetkämpfen, Misstrauen gegenüber neuen Projekten und internen Kulturkriegen kommen.

Eine weitere Herausforderung ist, wenn sich Kundengruppen bei Unternehmen und StartUps überlappen. Hier können leicht Grabenkämpfe entstehen. Wenn man erfolgreich sein möchte, dürfen die eigenen Interessen aber nicht ausschlaggebend sein. Entscheidend ist der Erfolg der Gruppe. Wir sitzen doch alle in einem Boot. Um dieses Denken zu fördern, sind bei Redspher die Mitarbeiter Aktionäre der gesamten Gruppe (57% des Kapitals, der Rest gehört Eurazeo). Dies fördert Synergien, wobei jeder der StartUps das gemeinsame Wachstum im Sinn hat.

Eine weitere Problematik liegt in dem immer noch starken Digitalisierungsdefizit in der Branche. Gerade im Mittelstand haben einige Buchungssysteme schon viele Jahre auf dem Buckel, Systemumstellungen gehen schleppend voran und auch unter dem ein oder anderen althergebrachten Logistiker geht die Furcht um, mit den “neuen Tools” der StartUps könnte der Arbeitsplatz überflüssig werden, oder aber auch die Angst vor der Umstellung. Hier ist intensive Kommunikation und Changemanagement gefragt.

Wie lassen sich die Hürden dahingehend überwinden?

Geholfen hat uns, dass wir mit Redspher eine gemeinsame Plattform geschaffen haben, unter der wir alle unsere Aktivitäten gebündelt haben. Sprich: die einzelnen Unternehmen der Gruppe agieren nach wie vor operativ unabhängig, sind aber unter einem starken Dach. So sind sie unabhängig voneinander – jedes Unternehmen behält sein Kerngeschäft und seine eigene Identität. Gleichzeitig sind die Unternehmen in einer gemeinsamen Strategie vereint. Mit dem Vorteil, dass die Start-ups ihre Reaktionsgeschwindigkeit und Innovationsfähigkeit behalten und mit strukturierten Prozessen (z.B. bei HR-Themen, IT-Themen oder aber auch juristischen Fragestellungen) unterstützt werden. Und die etablierten Logistiker in der Gruppe wie Flash Europe International und Schwerdtfeger Transport profitieren von der kontinuierlichen Digitalisierung und können so ihren Kunden modulare Lösungen bieten.

Was sind Ihrer Meinung nach die größten Vorteile, die beide Parteien von einer Zusammenarbeit haben?

Etablierte Unternehmen haben dank StartUps die Möglichkeit, die vor allem in der Logistik oft noch hinterherhinkende Digitalisierung im Unternehmen schneller vorantreiben, aber auch an neue Ideen, Produkte, Geschäftsmodelle und Lösungen zu gelangen.Für die StartUps ist es eine attraktive Möglichkeit, schnell zu expandieren und die finanzielle Unterstützung zu erhalten, die benötigt wird. Zudem profitieren Sie - je nach Ausgestaltung der Zusammenarbeit - von operativer Unterstützung, Zugriff auf einen großen Kundenstamm, um so direkt schnelles Wachstum zu generieren, Hilfe bei administrativen Themen etc.

Gibt es gewisse No-Gos in einer solchen Zusammenarbeit bzw. wann würden Sie sowohl „althergebrachten“ Logistikern aber auch StartUps von einer Kooperation abraten?

Für uns sind für die Wahl eines StartUps zwei Punkte relevant. Erstens müssen diese StartUps eine innovative Technologie oder Lösung entwickelt haben. Zweitens dürfen sie kein Geld verbrennen. Natürlich benötigen sie in der Anfangsphase Geld, um wachsen zu können. Aber sie müssen gewinnorientiert arbeiten. Mittlerweile tragen die StartUps bei Redpher zu 30 Prozent zum Gesamtumsatz bei. Sind diese Punkte nicht erfüllt, kommt ein Investment nicht in Frage und diese Vorgehensweise würde ich generell jedem Investor anraten. Auch ein Startup sollte sich hinterfragen, ob der Nutzen erfüllt wird – dies kann aber ja schon mit der notwendigen finanziellen Unterstützung abgehakt sein. Manchmal sind aber noch weitere Aspekte wesentlich. Für unser neuestes StartUp Rubiwin war es beispielsweise das Netzwerk der Gruppe – von über 13.000 Transportunternehmen und 55.000 Fahrzeugen, die als potentielle Kunden zur Verfügung stehen. Weiterhin sollten beide Parteien von einem solchen Schritt zurückschrecken wenn von vornherein klar ist, dass sich die oben beschriebenen Differenzen bzw. Hürden nicht bewältigen lassen.

Wie würden sie Redspher beschreiben? Was macht die Unternehmensgruppe besonders?

Redspher ist kurz gesagt eine digitale Plattform, unter der die StartUp und Unternehmen der Gruppe gebündelt sind. Alle diese eigenständigen Firmen haben eines gemeinsam: Sie dienen dazu unseren Kunden die bestmögliche Lösung für zeitkritische Transporte zu bieten. Einige der Unternehmen stehen im direkten Zusammenhang mit der Transportdienstleistung, andere ermöglichen eine optimierte und kostengünstige Abwicklung des Transports. Während Schwerdtfeger Transport und Flash Europe sich weiterhin auf terminkritische Sondertransporte konzentrieren, liefert beispielsweise Easy2Trace die passende App, mit welcher ein moderneres und effizientes Sendungstracking möglich ist. Unser neuestes Start-up Rubiwin hat sich beispielsweise zum Ziel gesetzt, Einzel- und Kleinunternehmer in der Kurierbranche durch Partnerschaften, Rabattsysteme und Digitalwerkzeuge bei der Reduktion ihrer Kosten und der Prozessoptimierung zu unterstützen. Rubiwin Kunden können von den Synergien und der Marktmacht der Redspher-Gruppe profitieren und Konditionen insbesondere für Fahrzeugleasing, Benzinkarten und Versicherungen nutzen, die in der Regel bis 20% Prozent besser sind, als Angebote, die sie als Kleinunternehmen erhalten

Eine Plattform, wie unsere, die ein komplettes Paket von Lösungen für den On-Demand-Transportbereich anbietet, ist derzeit nach unseren Erkenntnissen einzigartig auf dem Markt. Redspher ebnet der Gruppe den Weg, neue Partnerschaften einzugehen, um die Qualität und den Umfang der angebotenen Services immer weiter zu verbessern und Synergieeffekte zwischen den Mitgliedern optimal zu nutzen.

Die Digitalisierung hilft uns, die Nachteile des fragmentierten Logistik-Marktes in Europa zu überwinden, indem wir immer mehr Carrier effizient einbinden können. Dank des Plattform-Ansatzes können wir lokale Akteure effizient mit globalen Verladern verbinden. Im Vergleich zu anderen Transportplattformen am Markt haben wir den entscheidenden Vorteil, dass wir Technologie mit jahrelanger Erfahrung im Transportgeschäft und damit einem tiefen Kundenverständnis vereinen können.

 

Vielen Dank für das Gespräch.


Philippe Higelin

Über Redspher: Die Gruppe setzt sich aus Flash Europe International (internationale Premium Logistik im BtoB-Bereich), Schwerdtfeger Transport (internationale Premium Logistik im BtoB.Bereich), Upela (internationales Freight Management, Preisvergleichsplattform und all-in-one- Versandlösung für deutsche Online-Händler), Easy2Go (Sameday Lieferungen im BtoB und BtoC-Bereich – derzeit auf den französischen Markt begrenzt), Easy4Pro (Adhoc-Transportmanagement Software im BtoB-Bereich), GeniusAcademay (Online-Trainingscenter), Easy2Trace (App zur Überwachung von Fahrzeugen und Sendungen), Roberts.eu (Dienstleister mit Zugriff auf die größte europäische Kleintransporter-Flotte), Yoctu (Anbieter von IT-Tools) und Rubwin (Flottenmanagement) zusammen.

/ Geschrieben von Corinna Flemming


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