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Wie lässt sich Optical Character Recognition in die Logistik integrieren? Wir haben mit Jakob Hofer, Gründer und CMO des Wiener Unternehmens Anyline, über Vorteile, Herausforderungen und Chancen für Dienstleister gesprochen.

Optical Character Recognition Konzept
© faithie / Shutterstock.com

Logistik Watchblog: Was genau ist Optical Character Recognition?

Jakob Hofer: Optical Character Recognition, kurz OCR, ist eine Technologie zur Digitalisierung von analogen Information. Konkret geht es um Zeichen jedweder Art. Ein Alltagsbeispiel: Sie müssen Daten aus einem Ausweis z. B. Namen, Geburtsdatum und Ausweisnummer in ein Formular auf ihrem Smartphone eingeben. Entweder Sie tippen die einzelnen Daten mühsam über die Tastatur ein oder sie halten den Ausweis in ihre Smartphone-Kamera. Nutzt Ihr Telefon OCR, erkennt die Kamera einzelne Datenfelder, liest diese ein und befüllt das digitale Formular mit den Informationen des Ausweises. Diese Variante ist natürlich wesentlich schneller. Aber nicht nur die Geschwindigkeit wird um das ca. 20fache erhöht, auch die digitale Übertragung ist deutlich zuverlässiger. Tippfehler, die bei einer Eingabe über die Tastatur entstehen können, werden ganz umgangen.

OCR wird insbesondere beim Digitalisieren von Schriftstücken oder Belegen verwendet. Wir von Anyline fanden das aber zu beschränkt. Theoretisch könnte mit einer OCR-Software, wie wir sie entwickelt haben, Ihr Smartphone jetzt jedwede Form von Text, Symbolen und Zeichen lesen, egal worauf diese angebracht sind. Dadurch ergeben sich neue Use-Cases wie Seriennummern unterschiedlicher Art, Kennzeichen, Zählerstände und Anzeigen auf Maschinen. OCR ist damit aber kein „gelöstes Problem“. Die Rahmenbedingungen innerhalb der Logistik und die notwendige Rechenleistung führen immer wieder zu neuen Herausforderungen.

Wie sieht der Einsatz in der Logisik aus bzw. was sind konkrete Anwendungsbeispiele?

Da die Digitalisierung auf der Agenda vieler Geschäftsführer steht, ist sie in der Logistik zwar weit fortgeschritten, dennoch gibt es immer wieder Prozessschritte, die analog ablaufen. Das führt gerade in einer Umgebung wie der Supply Chain, die zunehmend vernetzter ist, zu immer größeren Problemen. Wir wollen hier Lücken schließen und die Rahmenbedingungen für OCR auf Alltagstauglichkeit auszudehnen. Die Anyline-Software wird z. B. eingesetzt um Containernummer und Wagonnummern zu scannen, aber auch um Wareninformationen auf Paletten einzulesen. Ein weiterer Einsatz ist das Digitalisieren von CMR Dokumenten, damit Frachtführer möglichst rasch einen Nachweis für ihre erbrachte Leistung erhalten und damit die Fakturierung anstoßen können.

Welche Vorteile bietet eine solche Lösung?

Hauptvorteil ist natürlich die Geschwindigkeit der Datenerfassung. Lange Seriennummern werden so schnell wie ein Barcode eingelesen, wodurch die Zeit, in der die Ware steht und erfasst werden muss, drastisch reduziert wird. Ganze Züge können z. B. statt in wenigen Stunden in wenigen Minuten abgeladen werden. Von Vorteil ist aber auch die Dokumentation der einzelnen Schritte parallel zum Scanvorgang. Bei unserer Software wird z. B. mit jedem Scan auch ein Foto des Scans abgespeichert. Gerade im Schadensfall kann dieses als wichtiger Beweis dienen. 

Gleichzeitig ist OCR aber auch ein einfach zu integrierender Baustein bei der Digitalisierung der eigenen Lieferkette. Und das nicht nur, weil keine besonderen Geräte notwendig sind, sondern so etwas alltägliches wie ein Smartphone, das auch für andere Arbeiten verwendet werden kann. Gerade von den Mitarbeiter unserer Partner-Unternehmen haben wir sehr positive Rückmeldung. Da die Technologie insbesondere monotone Arbeitsschritte automatisiert, kommt sie gut an und wird schnell akzeptiert. Das ist innerhalb der Digitalisierung, bei der Mitarbeiter manchmal das Gefühl haben, alles wird komplizierter, ein nicht zu unterschätzender Punkt.

Welche Einschränkungen hat die Vorgehensweise möglicherweise noch?

Ein Problem, das es noch zu lösen gilt, ist der Einsatz von OCR-Technologien auf allen Arten von Kameras. Es muss nicht immer ein Smartphone sein. Auch Handheld Computer oder fix installierte Kameras können mit der Technologie ausgestattet werden, aber eben noch nicht so universell wie Smartphones. Gerade beim Warenfluss entstehen so neue Möglichkeiten. Die Türöffnung kann die normale Kamera für den Mensch übernehmen, indem Sie die registrierte Nummer an Behälter oder Fahrzeug erkannt.

Ist die Optical Character Recognition Ihrer Meinung nach aktuell noch eher Herausforderung oder Chance für Dienstleister?

Eine riesen Chance! Schließlich können jetzt die letzten Lücken der Digitalisierung geschlossen zu werden. Der Aufwand, um OCR in die eigenen Prozesse zu integrieren ist beschränkt und ein Nutzen ab dem ersten Tag realisiert. Die gewonnenen Daten können darüberhinaus zum Überprüfen und Optimieren der eigenen Wertstöpfungskette genutzt werden.

Für wem lohnt sich eine solche Texterkennung am meisten?

Für Logistikunternehmen, die schon viel in Richtung Digitalisierung unternommen haben und stetig dabei sind interne Abläufe zu verbessern.


Über den Autor Jakob Hofer:

Jakob HoferJakob Hofer, 30, ist Gründer und CMO des Wiener Unternehmens Anyline. Gemeinsam mit seinem Team entwickelt er eine gleichnamige Texterkennungs-Software (Optical Character Recognition, OCR), die sich in andere Software und Apps integrieren lässt. Unternehmen, wie Canon, Swisscom, Porsche Austria, Red Bull Mobile und Tyrolit verwenden bereits Anylines Technologie. Das internationale Forschungsinstitut Gartner wählte die Lösung für Tyolit zu den Top 5 Cool Vendors im Bereich „Supply Chain Execution“.

/ Geschrieben von Corinna Flemming